"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Wednesday, 19 March 2008

Wörter mit Migrationshintergrund

In letzter Zeit habe ich mich viel mit dem Thema Ausländer in Deutschland auseinandersetzen müssen. Einerseits bin ich ja nämlich einer.,Andererseits ist das ein Thema, womit sich die Medien zur Zeit sehr beschäftigen. Zusätzlich bin ich auch noch ein einigermaßen gelernter Sprachwissenschaftler und schreibe viel über Sprache und Wörter.

Und wer sich mit der deutschen Sprache und der Art und Weise, auf die sich die Deutschen darüber unterhalten, dazu recherchieren und dann schreiben, muß schon konstatieren, dass die Sprachkultur hier den Umgang mit Ausländern widerspiegelt.

Wie denn?

Das Wort „Ausländer“ reicht schon aus: Analog in der Sprachforschung und im Duden ist der Begriff „Fremdwort“. Beide haben eins gemeinsam: sie sind Fehlbezeichnungen.

Denn eine Debatte über die „Integration von Ausländern“ ist von der Grundlage her keine wirkliche Debatte. Als ich als ausländischer Journalist zum ersten Mal auf den Begriff „Ausländerpolitik“ stieß, dachte ich, es würde sich ums Ausland handeln. Ein Kollege musste mir mühsam erklären, dass die eigentliche Auslandspolitik vom Auswärtigen Amt betrieben wurde, und dass es kein Fehler war, über deutsche Minderheiten mit dem Begriff „Ausländer“ zu sprechen.

Ich, Trottel, der die Wörter halt im wörtlichen Sinn versteht, oder zu verstehen versucht, erklärte dem Kollegen, warum das ein Fehler war: „Das sind aber Leute, die meistens einen deutschen Pass haben, und die teilweise hier geboren wurden. Wie sind das denn bitte Ausländer?“

Recht hatte ich und Recht behielt ich. Allerdings mit der Einschränkung, dass, wenn 90% unserer Leser mit dem Begriff „Ausländer“ auf „Deutsche mit Migrationshintergrund“ hinweisen, ist das sprachlich gesehen kein Fehler. Ein logischer, etymologischer und anthropologischer Fehler schon, aber kein sprachlicher. Es ist so wie, wenn sich plötzlich alle entscheiden würden, mit dem Wort „Katze“ über große, graue, aus Afrika und Indien stammenden Saugtiere mit Rüsseln und überdimensionelle Ohren zu sprechen. Solange alle mitmachen, ist es nicht falsch.

Ich aber finde das falsch. Zum Glück tut das auch manch ein anderer. Die Wörter „Deutschtürke“ und „Migrationshintergrund“ haben sich schon einigermaßen im öffentlichen Diskurs durchgesetzt. Zum Beispiel.

Doch besteht in der Bevölkerung immer noch Aufklärungsbedarf. Der unreflektierte Einsatz des Wortes „Ausländer“, wenn man von anderen Deutschen spricht, ist schon dem Rassismus gleich, denn man geht zwangsläufig davon aus, dass nur blonde, blauäugige, seit Generationen in Deutschland wohnende Stämme „wirkliche“ Deutsche sein können. Ich brauche ja hier nicht weiter ins Detail zu gehen. Man weiß nämlich schon, wohin der Blutgedanke - diese äußerste Torheit - führt. Das Wort „Ausländer“ muss daher wieder für Leute wie mich vorbehalten sein, und darf nicht mehr für Menschen, mit deutschem Pass und besseren Deutschkenntnissen als die meinigen eingesetzt werden.

Von wegen Deutschkenntniss muss man aber auch hier um einiges aufklären. Nicht nur die Bevölkerung hat die Interaktion von Deutschtum, Staatsbürgerschaft, und Sprache falsch im Kopf, sondern auch der Duden. Tja! Ausgerechnet Duden.

Denn mit dem Nachschlagwerk „Fremdwörter“ geht der Duden ja davon aus, dass Wörter nie deutsch werden können, dass es einen Stammbaum ‚urdeutscher’ Wörter gibt, wovon alle ‚deutschen’ Wörter abgeleitet werden. Quereinsteiger (und allein das Wort beglaubigt, wie sich die deutsche Bildsprache gerne Ideen von Stämmen, Erbschaft, von konsequentem linearen Wachstum bedient) können sich zwar einbürgern lassen. Deutsche Wörter werden sie nie.

Egal wie wichtig, wie beliebt, wie unentbehrlich sie werden in ihrer neuen Sprache, bleiben diese Wörter ‚fremd’. „Fremdwörter“ sind die Analogien zu „Ausländern“: Auch Wörter, die seit Generationen im deutschsprachigen Raum im Einsatz sind, und deren Abkömmlinge, können nicht deutsch sein; Auch die Kinder von Einwanderern, die hier geboren und aufgewachsen sind, sind Ausländer.

Deutschland kommt aber nicht mehr ohne diese „Ausländer“ klar – wer würde ansonsten Taxi fahren und Kioske betreiben? Die deutsche Sprache kommt ja auch seit langem nicht mehr ohne „Fremdwörter“ klar. Sprich: das Ausländische, das Fremde ist zum unabdingbaren Bestandteil des Deutschtums geworden. Es ist also deutsch geworden.

Das sollte man zu schätzen und zu ehren wissen. Ein guter Anfang ist, nicht mehr von Ausländern zu sprechen, wenn von Deutschen mit Migrationshintergrund die Rede ist.Und nicht mehr von Fremdwörtern zu sprechen, wenn deutsche Wörter mit Migrationshintergrund gemeint sind.

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