"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Monday, 21 April 2008

Lost in Düsseldorf: Hilfe!

Düsseldorf. Nicht jedermanns Lieblingsstadt. Dennoch eine meiner Lieblingssorte. Hier habe ich als Kind und als Jugendlicher eine Mischung aus Ordnung, Schönheit und Lebensqualität erlebt, die ich gar nicht von England kannte. In den 90er Jahren, als ich die Stadt kennenlernte, kamen mir die langen, geradlinigen Straßen, das flache, berechenbare Land, die ruhige, gut gekleidete Bevölkerung in Gegensatz zum chaotischen London regelrecht exotisch vor. Ich fragte mich, wie man eine Großstadt überhaupt so zu gestalten vermochte. Düsseldorf trug zu meiner wachsenden Begeisterung zu Deutschland wesentlich bei. Denn Ordnung gehört bekanntermaßen zum Wesen der Deutschen: Düsseldorf ist insofern ur- bzw. überdeutsch.

Ich hatte also vor, mein Auslandsjahr teilweise hier zu verbringen. Dann kam aber ein verlockendes Angebot in Hamburg, und da wurde ich zum ersten Mal in Deutschland wohnhaft. Zwar erlebte ich Hamburg als eine schöne, eine faszinierende, eine ausgezeichnete Stadt. Zwar will ich später eher in Hamburg dauerhaft wohnen. Doch die Stadt hat mich enttäuscht. Sie war eben nicht deutsch – nicht Düsseldorf – genug. Diese zauberhaften venezianischen Gebäude; dieses spannende Getümmel am Hafen; diese achterbahnmäßige U-Bahn, die einen durch die Gedärme der Stadt und anscheinend beliebig raus ins Freigehege, ja fast in die Elbewässer schmeißt. Nach sechs wunderbaren Monaten in Hamburg hatte ich das Gefühl, noch nicht in Deutschland gewohnt zu haben.

Nein. Ich hatte in Düsseldorf ein unerledigtes Geschäft. Ich beschloss schon damals, hier eine Zeit zu wohnen und zu sehen, ob der Reiz der Ordentlichkeit mich mehr als eine Woche hie und da halten konnte.

Als ich hier vor zwei Wochen eines Sonntages ankam, war ich immer noch begeistert. Frisch aus dem schönen Chaos der belebten Münsteraner Gassen kam mir die Stadt Düsseldorf genau so vor, wie sie es vor zehn Jahren getan hatte. Die Gebäude waren dezent, karriert, teilweise monumental; dafür nie auffallend. Die langen, geraden Straßen waren gleichmäßig, geplant bebaut. Und es fuhren in fast jeder leeren Allee graue, ruhige, ultra-moderne Straßenbahnfahrzeuge. Im hellen, sonnenlosen Licht Nordeuropas sah die Stadt beinahe wie die Verkörperung der Aufklärung aus. Ein urbaner, bildungsbürgerlicher Vernunftstraum.

Doch ich wusste, dass das Wesen einer jeglichen Großstadt auf Chaos, auf Unberechenbarkeit beruht. Am Sonnenuntergang blickte ich von meinem Fenster im sechsten Stockwerk eines Bilker Wohnblocks auf die Stadt hinunter, zündete mir eine Zigarette an, und wartete auf das Unerwartete.

*

Eines Montagmorgens erwachte Brian Melican in seinem Zimmer und beschloss, sofort aufzustehen. Da er beabsichtigte an dem Tag, ein neues Praktikum anzufangen, galt es, rechtzeitig, gut gekleidet und ausreichend mit Kalorien versorgt am neuen Abeitsplatz anzukommen. Daher war er vorsichtiger als sonst mit dem Knoten seiner Krawatte, mit dem Setzen seiner Manschettenknöpfchen, mit dem Verzehr seiner anschließender Tasse Kaffe und Croissant in einem Bäcker des Viertels. Es werde ein guter Tag, dachte er sich, als er einer Kopie jener „Rheinische Post“, jenes Blattes, das Generationen von Redakteuren ihren Aufstieg im Mediengeschäft gewährte, zügig und effizient durchlas. Die Rechnung beglichen und das Personal des Etablissements gegrüßt, setzte der junge Brian Melican seinen Arbeitsweg, den er am vorigen Abend anhand einer frisch gekauften und entsprechend erfeulich gleichmäßig gefalteten Karte sorgfältig verinnerlicht hatte, fort.

Im Gehen biss er in den Apfel, den er sich für das Frühstück aufbewahrt hatte und hörte, wie die Uhren zehn schlugen. Zeit habe er noch. Er könne sich langsam, ohne ins Schwitzen zu kommen, rechtzeitig in die Kasernenstraße begeben. Er lächelte. Mit jedem strammen Schritt atmete er tiefer, zuversichtlicherer ein.

Auf einmal vernahm er unten am Boden durch sein ledernes Schuhwerk eine Unregelmäßigkeit. Es platschte. Bei einer näheren Untersuchung von dem, worauf er getreten hatte, stellte der junge Melican fest: es war eine Rattenleiche. Entsetzt machte er sich zügigst davon, immer auf seine Schuhe und Hose blickend, um nachzusehen, ob diese durch die Begegnung beschädigt worden war.

Zwei Straßen weiter hatte er sich erholt. Er habe Glück gehabt, wiederholte er sich, sein linker Schuh sowie seine Hose befanden sich immer noch unbefleckt. Es sei eine tote Ratte gewesen. Nichts weiteres. Entsetzlich, sicher, aber immerhin nur ein verstorbenes Ungeziefer. Dieser beruhigende Gedanke sorgte immer noch für gute Stimmung, als er in die Hüttenstraße, jene wohl aussehende Reihe von ungeschmückten, anständigen Wohnhäusern, unter der Eisenbrücke ging. Die Finsternis und der Gestank würden schnell vorbei sein. Rattenleichen gebe es da wohl nicht mehr.

Wieder im Tageslicht in der sonst leeren Straße sah er, wie ein Fußgänger auf ihn zukam. Als er näher rückte, bemerkte Brian M., dass der Mann zwar nicht arm oder verzweifelt, aber trotzdem anbiedernd aussah. Seine Hände hielt er an seiner Brust zusammen. Er avancierte nur langsam, vorsichtig. Und zwar dermaßen, dass der junge Brian M., der sich immer noch einer guten Kondition erfreute, ihn zweifelsohne hätte umgehen können. Doch entschied er sich, das Anliegen des Unbekannten anzuhören, und ließ ihn näher kommen.

Als der Passant ihn ansprach, bemerkte Brian M., dass seine Zähne nicht recht erfreulich waren. Doch wurde seine Aufmerksamkeit sofort auf die Hände des Mannes gelenkt. Voller Entsetzen sah er, wie der Unbekannte eine verletzte Taube in den an seine Brust gedrückten Händen wog. Das Tier sah sterbend, besiegt aus. Doch befürchtete Brian M., es könne jederzeit auf ihn springen, zufliegen, und seine krankhafte Erscheinung versichterte ihm, eine solche Begegnung wäre aus gesundheitlichen ebenso wie aus kleidungstechnischen Gründen eher zu vermeiden. So schnell, so höflich wie möglich entschuldigte sich der jungen Brian M. bei dem Passanten und machte geschwind weiter.

*

Montag, 14. April 2008


Liebe Einwohner des Hauses 14b,

Am gestrigen Sonntag wurde ich gegen 09:30 im obersten Stockwerk des Treppenhauses von einem Eindringling überrumpelt. Der männliche Unerwünschte sprach mich an, war allerdings so berauscht, dass ich nichts verstand und mir seine Aussage sogar dreimal musste wiederholen lassen. Ich stellte fest, dass sie folgendermaßen lautete: „Ich komme aus Krefeld“.

Auf meine weiteren Fragen bezüglich seiner Person und seines Anliegen im Hause wusste er keine verständliche Auskunft zu erteilen. Nur bat er mich immer wieder um Zigaretten. Als er mitbekam, dass diese für ihn nicht vorhanden sein würden, entschied er sich für ein Glas Wasser anstatt. Unter der Befürchtung, dass er wohl krank war, erledigte ich sofort seine Bitte.

Am nämlichen, zur Verfügung gestellten Glas Wasser hatte der Gute aber kaum genippt, als er mich wegen eines weiteren Anliegens ansprach. Und zwar wollte er Drogen von mir haben. Auf die Mitteilung, dass ich über keinerlei Drogen verfüge, antwortete er mit eindringlichen Wiederholungen seine Bitte.

Ich musste ihn aufs Schärfste anreden und ihm die Tür vor der Nase zuschließen, um ihn deutlich zu machen, dass er sich hier ungelegen aufhielt. Hinzuzufügen an dieser Stelle wäre, dass ich während dieser ganzen Ereignisse halbnackt war, da ich beabsichtigt hatte, mich der sich gegenüber unserer Tür befindenden Dusche zu bedienen.

Ferner sollte hier auch aufgeführt werden, dass sich dieses Erlebnis für mich als eher lustig gestaltete, da ich – männlich, 1,80 groß, ziemlich kräftig gebaut – keinerlei Furcht empfand. Nur würde ich betonen, dass nicht alle Einwohner dieses Hauses physisch in der Lage wären, an meiner Stelle in denselben Umständen so selbstbewusst aufzutreten. Ich möchte auch hervorheben, dass nicht alle künftige Eindringlinge so dermaßen geistig umnachtet sein werden, dass sie keinerlei Gefahr darstellen.

Aus diesem Grund möchte ich abschließend alle Einwohner dringendst bitten, DIE HAUPTEINGANGSTÜR UNTEN IMMER - OHNE AUSNAHME – GANZ FEST ZU SCHLIEßEN, VERDAMMT NOCHMAL!

Mit freundlichen Grüßen,

Brian Melican

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