"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Thursday, 29 May 2008

Über Spargel und Gleichheit

Vor einigen Wochen war auf Spiegel Online zu lesen, dass „der Durchschnittsbürger kein Phantom mehr“ sei. Die deutsche Gesellschaft sei homogen, gleich, eintönig: „Die Durchschnittsdeutschen: Sind wir alle Langweiler?“ fragte der Spiegel im anschließenden Diskussionsforum. Schnell am Start war folgender Poster: „Ich selber bin sicher ein Langweiler! Hänge den Nachmittag lustlos vor'm Rechner ab und guck' in diesen komischen Themenstrang ...“ Doch waren viele andere Beiträge eher humorlos und ohne jegliche Selbstironie: „Ach, immer wieder diese Pauschalisierungen“ lautete der eine; „Ich bin in über 30 Ländern gewesen, und der Durchschnittsmensch ist überall langweilig.“

Ich selbst bin in nur ungefähr 10 Ländern gewesen, dafür muss ich doch sagen, dass mir so ungefähr dasselbe aufgefallen ist. Nur würde ich „langweilig“ durch etwas weniger Menschenverachtendes ersetzen: „derselbe“ etwa. Allerdings ist jede Gesellschaft anders dieselbe.

Das heißt: In jeder Gesellschaft gibt es Punkte, in denen sich die Menschen sehr ähneln. In vielen anderen unterscheiden sie sich jedoch sehr: An einigen Stellen reagieren sie fast alle berechenbar. Allerdings sind diese Punkte in jeder Gesellschaft anders. Der Brite, zum Beispiel, will generell nicht andere ansprechen und will nicht angesprochen werden. Verbringen Sie als Deutscher eine Woche dortzulande und versuchen Sie, die anderen zu grüßen, wann immer Sie das in Deutschland tun. Gehen Sie etwa in einem Laden und sagen Sie „Guten Tag“ – bzw. „Hello“ – und genießen sie die schockierte Reaktion des Geschäftsinhabers. Halten Sie sich dabei allerdings nicht allzu lange im Laden auf: Er könnte Ihre Grüße als Unheil empfunden und schon heimlich die Polizei angerufen haben.

Im Gegenteil grüßt der Franzose generell sehr gerne. So gerne, dass die Grußformeln dort dermaßen einheitlich sind, dass sie keine Bedeutung mehr haben. Im Deutschen kann man sehr schön variieren zwischen „Moin“, „Moin moin“, „Hallo“, „Guten Tag, „Tag“, „Tagchen“, „Hallöchen“, „Moinsen“ usw. (letztere aber nur dann, wenn man nichts dagegen hat, wegen der Verniedlichungsform als quasi „geistig zurückgeblieben“ ’rüberzukommen). Im Englischen kann man auch, trotz der Gruß-Stille des öffentlichen Lebens auf der Insel, abwechslungsreicher anfangen: „Hi“, „Hi there“, „Y’aright“, „What’s up“, „Hey“, „Hey there“, usw. Im Französischen demgegenüber sagt man entweder „Bonjour“ oder „Salut“. Das war’s. Da sagt der Franzose „Bonjour“ oder „Salut“ zurück. Auf alles andere reagiert er mit einem verblüfften „äh?“ bzw. „euh?“

Und die Deutschen ähneln sich in einigen Punkten sehr. Sie haben zwar unterschiedlichere Einstellungen zu Sachen, wo die Brite oder die Franzose oder wer auch immer als Gruppe reagieren. Aber bei anderen Angelegenheiten reagieren sie komplett einheitlich. Zum Beispiel bei Spargel.

Der Engländer isst sehr gern Spargel. Es fällt aber bei einem Besuch nicht auf, weil Spargel zwar gegessen wird, aber nicht auf „einheitliche“ Weise. Das heißt, der Engländer isst seinen Spargel mit Rührei, in Salaten, mit Pasta, als Auflauf, als Beilage. Die Franzosen sind auch leidenschaftliche Spargelesser. Allerdings tendieren sie dazu, Spargel in Restaurants mit Vinaigrettesauce, mit Orangen-Dressing, in Soufflés anzubieten. Der Spargel im Ausland ist unberechenbarer Außenseiter. Das eine „Spargelessen“ wie in Deutschland ist da nicht zu finden.

Denn beim Spargel sind wir auf einen wirklichen Durchschnittsdeutschen gestoßen. Der Spargel hierzulande sieht sehr gleich aus, wird zum gleichen stolzen Preis verkauft und wird überall gleich gegessen. An dieser Stelle sollte ich klarstellen, dass ich dies ganz ohne Werturteil sage. Ferner: Ich sage das sogar positiv bewertend. Ich finde „das Spargelessen“ schön; aber ich finde es immerhin seltsam, dass es das überhaupt gibt. Genau wie es dem Engländer angesichts eines schönen Stück Schellfisch quasi nichts anderes einfällt, als das Frittieren und Mit-Pommes-Servieren, sehen die Deutschen Spargelstangen und denken nur an Molkereiprodukte und Schinken.

Was ich aber sehr schön an den regelrechten deutschen Spargelwahn finde: Es ist sinnvoll. Ökologisch, gesundheitlich, geschmacklich sinnvoll. Spargel schmeckt geil, ist gesundes Grünzeug und wird in Deutschland angebaut. Anstatt energieintensiv Mangos hierher zu transportieren und Gewächshaus-Tomaten das ganze Jahr lang zu essen, huldigen wir hier ein einheimisches Produkt.

Manch eine Tradition, die zum Klischee geworden ist, weiß man erst dann wieder zu schätzen, wenn man sie aufs Beste erlebt. Dass quasi alle Deutschen - laut Spiegel - denselben Haarschnitt haben, ist natürlich schlimm. Aber dass sie alle im Frühling zusammenkommen, sich über ein einfaches Gemüse freuen und die Geselligkeit genießen, ist doch schön.

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