"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Thursday, 17 July 2008

Nicht "die deutsche Sprache" sondern "das Deutsche"

Als Übersetzer habe ich teilweise Schwierigkeiten, wenn ich solche Sätze in Englisch wiedergeben muss:

„Jeder Unternehmer will seine Rendite steigern“

Klar, das will er. Im Englischen will aber nicht nur jeder Unternehmer, sondern jede Unternehmerin ihre Rendite auftreiben. Da bringt man sich aber im Englischen teilweise in die Bredouille:

„Every businessman wants to improve his profits“

Geht einfach gar nicht. Bekommst du (berechtigterweise) Leserbriefe, womöglich Aufforderungen, eventuell Abmahnungen.

„Every businessman and businesswoman wants to improve his/her profits“

Zwar richtig, aber zu lang. Etwas unglücklich. Anbiedernd so nach dem Motto: „Guckt mal hier, ihr Feministen, ich setz mich doch für euch ein!“

„Every businessperson wants to improve their profits“

Hört sich im gesprochenen Englisch ganz gut an. Kann man aber nicht immer schreiben, weil „their“ und „person“ grammatisch eigentlich nicht einhergehen.

„Every businessperson wants to improve profits“

Oder sogar:

„All businesspeople want to improve profits“

Endlich mal eine gelungene Lösung.

*

Dieses Problem habe ich als Übersetzer immer wieder. Denn irgendwie ist es so, dass, obwohl die Frauenbewegung in Deutschland in mancherlei Hinsicht etwas, ähm, fortgeschrittener ist als ihre britische Schwester, die deutsche Sprache immer noch teilweise frauenverachtend ist.

Es gibt zwar „-in“-Endungen und das lange „I“ so wie im Wort „StundentInnen“, aber diese Neuschöpfungen hören sich nicht immer so ganz gut an. Doch mit denen wird’s oft übertrieben: Beispiel „Mitgleiderin“ und „MitgliederInnen“, wobei Mitglied natürlich sachlich ist. Und Gleichberechtigungsfreundlicher als die sachliche Gattung geht es einfach nicht.

Politisch korrekte Sprache wird also in Deutschland oft übertrieben. Aber sie wird leider oft gar nicht wahrgenommen. Einige würden behaupten, die Sprache sei oft verpönt, weil sie so lächerlich überzogen ist. Andere würden sagen, sie muss überzogen werden, um überhaupt Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein regelrechter Teufelskreis.

Eins steht im jedem Falle fest: Im Deutschen ist es schwieriger, die Sprache neutral zu gestalten. Die Sprache ist nämlich hochgradig geschlechtgetrennt. Überall wo man hinguckt, werden Wörter, die gar kein Geschlecht haben müssen, als entweder männlich oder weiblich einsortiert. „Das kann ein Jeder machen“. Ja, gut, aber könnte das auch „eine Jede“? Oder ein Jedes?

Im Englischen geht’s wesentlich einfacher. Man muss nur das Geschlecht bestimmen, wenn man es weiß. Ansonsten steigt man bei anyone oder whoever ein, wo der Deutsche (!) sich „ein jeder/ein beliebiger“ oder „der, wer“ bedient. Im Schwedischen ist es auch so: Da gibt es nur zwei nennenswerte Gattungen mehr, Utra und Neutra. Meistens deckt någon Menschen ab, während något für Sachen und Tiere zum Einsatz kommt. Im Finnischen muss man sich sogar anstrengen, um die Gattung überhaupt klarzumachen. Denn das Schwedische verfügt immer noch über han und hon, er und sie, wo das Finnische über nur ein Pronomen für die ganze dritte Person verfügt: hän.

Das Interessante beim Deutschen ist aber, dass – grammatisch gesehen –wir eine übertrieben politisch-korrekte Sprache ebenso wenig nötig haben wie die gebräuchliche frauenverachtende Variante. Man könnte sich nämlich häufiger der Mehrzahl bedienen, wo im Deutschen immer noch eine Einzelzahl geläufig ist:

Wie wäre es denn mit: „Alle Unternehmer wollen ihre Rendite steigern“?

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