"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Tuesday, 21 October 2008

In vino amicas

Als Engländer erlebte ich erst kurz nach der Jahrtausendwende eine Weinbauregion aus nächster Nähe, als ich nach Frankreich zu einem Brieffreund von mir ins Elsass fuhr. Neben der Weinstraße lag das Landgut der Famille Fritsch, jenes gediegene, adlige Grundstück wo jeder Sommer im baufälligen Herrenhaus verbracht wurde – und wo das Leben immer noch vom Rhythmus der täglichen Verpflegung geprägt war -. Es wurde draußen im grünen Garten sinnlich gefrühstückt, zu Mittag und zu Abend gegessen: Choucroûte, Flammkuchen, Kugelhoepf, köstliche elsasser Spezialitäten in Hülle und Fülle, alles mit geschmeidigen und dennoch frischen Weißweinen serviert. Alles, außer das Frühstück, natürlich.

Eines Morgens jedoch fuhr ich mit dem Opa los auf die Weinstraße. Auf seinem Lieblingsweingut kamen wir schon vor elf an und die pflichtprogrammliche Verköstigung begann sodann. Riesling, Gewürztraminer, Grauburgunder, die Klassiker eben. Dann kamen aber andere, unerwartete Gaumenfreuden, wie Bordeaux und Burgunder zum Beispiel, rot, aber aus dem Elsass. Erst um den Mittag schlossen wir diese alkoholische Probestunde mit eaux de vie dann ab.

Die Fahrt nach Hause, kutschiert durch den gebrechlichen, halb-blinden und jetzt halb-blauen 80-Jährigen war und bleibt immer noch eine der lebensgefährlichsten Situationen, in denen ich mich je befunden habe. Und als wir zum Mittagessen – spät, rüpselnd und – ich meinerseits – zitternd und die Hosen gestrichen voll – endlich ankommen, so beklagte sich die Mutter des Brieffreundes, ich sei besoffen und könne mich – wie alle Engländer – nicht beherrschen.

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Mit meinem zweiten Besuch in einer Weinbauregion verlief es anders. Sieben Sommer später war ich mal wieder an der Weinstraße, allerdings nicht mehr im Elsass, sondern nördlicher, in der Pfalz, in Neustadt. Französische Baufälligkeit wurde durch ein hochmodernes Hotel, die dicke, weinflaschenbodenartige Brille des 80-Jährigen durch die etwas vertrauenswertere Sehkraft eines guten Freundes ersetzt. Anstatt einer dünnlippigen Familien-Mutter begrüßte mich eine reizende Frau. Nur die Landschaft, der Wein und die gastronomische Sinnlichkeit blieb erfreulicherweise unverändert.




Die Pfalz: Hier aß ich zum ersten Mal Saumagen, trank den besten Dornfelder meines Lebens und lernte, wie das Wort „gell“ einzusetzen ist. Hier wurde ich von freundlichen Gastwirten auf die Schulter geklopft und sofort geduzt, als ich den Wein lobte. Hier erlebte ich Gastfreundlichkeit, wie ich sie noch nicht kannte.

Denn nicht ohne Woiknorze, Schweinschwänze und Wein ging meine Reise nach Frankfurt an jenem Wochenende weiter. Weder auf das wohl fürchterliche Essen im dortigen Hotel noch auf ihre Abzockerpreise für Wein sollte ich angewiesen sein, so meine Gastgeberin: Ein Schorleglas und ein Korkenzieher befanden sich ebenfalls in der Geschenkstüte. Selbst im marmorbedeckten Steigenberger Hotel neben dem Frankfurter Hauptbahnhof konnte ich die Pfalz an dem lauen Sommerabend noch schmecken. Selbst an der Elbe, zwei Monate später in der frischen, nördlichen Herbstkälte kann ich sie immer noch schmecken, wenn ich nur zurückdenke. Oder einfach das Wörtchen „gell“ höre. Oder von diesem herrlichen Essig-Aperitif trinke, den ich auch geschenkt bekommen habe...

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Jetzt, wo es in meiner Wahlheimatstädte nördlich der Pfalz kalt wird, denke ich häufiger denn je an die Weinstraße. Und lege mir ordentliche Vorräte Dornfelder zu, um die kalten Nächte wärmer zu machen.

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