"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Friday, 19 December 2008

Sonnenuntergang in Nord-West-Deutschland

Seit Jahren orientiert sich mein Leben zunehmend an der Achse Rhein-Ruhr/Norddeutschland und damit an der Eisenbahnstrecke Düsseldorf-Dortmund-Münster-Bremen-Hamburg.

2005 in Paris entschloss ich mich nämlich, auf Flugreisen zu verzichten. Als ich also am 2. Januar 2006 nach Deutschland fuhr, um ein Praktikum in Hamburg anzufangen, reiste ich mit dem Eurostar nach Brüssel und von dort aus mit dem Nachtzug in die Hansestadt.

Es war eine ziemlich schlaflose Nacht. Nicht nur, dass ich wegen des bevorstehenden Neustarts aufgeregt war oder dass ich Koffer und Taschen in nicht von einem menschlichen Körper zu bewältigenden Mengen dabei hatte, sondern die sechser Abteilung war auch noch vollgebucht: Wir schliefen, schnarchten und schwitzten zu sechst. Die Luft wurde schnell stickig – ganz wie im Flieger – und dann noch schlimmer.

Statt zu schlafen, schaute ich mir die schlafenden Städte an, durch die wir fuhren. Lüttich, Aachen, Dortmund, Münster, Bremen, Hamburg. Erst Monate später nach der Uhrumstellung im März sah ich die Strecke von Dortmund bis Hamburg bei Tageslicht. Flache, grüne Landschaften, urige Bauernhöfe, Städte voller stolzer Gebäude aus der Gründerzeit und gelegentlich Industrie-Klötze.

Nach Paris, ab Paris, über Brüssel nach und von London: jahrelang ging alles mit jenem Nachtzug, jenem „CNL Andromeda“, dessen Ausgestaltung dem antikgriechischen Namen irgendwie nie gerecht wurde. Inzwischen gewöhnte ich mich an die Luft – die sechser Abteilungen waren stets voll – und ich schlief jedes Mal einfacher ein. Eine gewisse Spannung blieb dank dem romantischen, 50er-Jahre-mäßigen Charme der Idee, nachts zu fahren, zwar immer noch. Doch das ganze wurde irgendwann zur Gewohnheit. Ganz wie andere Leute routinemäßig in den Flieger stiegen, verstaute ich meine Koffer irgendwo, zog mich aus, steckte mein Geld in meine Unterwäsche und schlief ein.

Wurde ich Richtung Hamburg schon bei Dortmund wach, wußte ich Bescheid, ich konnte noch drei Stunden schlafen. Bei Münster noch zwei.

Seit dem endgültigen Umzug nach Deutschland im Januar 2008, fahre ich die Strecke auch viel tagsüber. Irgendwo zwischen Brüssel, Düsseldorf, Dortmund, Münster und Hamburg fühle ich mich zunehmend heimisch. Ich kenne die Strecken, kenne die Städte, die sie bedienen, und kann jederzeit – bei Tag oder bei Nacht – von der einen in die andere fahren.

Die stolzen Werbesprüche der Deutschen Bahn von wegen „Mobilität“ fingen irgendwann mal an, sich im nordwestlichen Viertel des deutschen Bundesgebiets, im so genannten westniederdeutschen Sprachraum, zu verwirklichen. Egal, ob ich in London, Düsseldorf, Dortmund, Münster oder Hamburg wohnte: alles erreichbar, jeder Zeit, und das ohne unheimlich viele CO2-Ausstöße zu verursachen. Ein schönes, modernes, urbanes, abwechslungsreiches Leben in Europas am dichtesten besiedelter Ecke.

Ich hielt mich für einen Vorreiter.

Aber kein einsamer: Die Züge waren immer ausgelastet, vor allem die Nachtzüge. Deutsche Beamte aus Brüssel, Geschäftsleute aus Paris - ganze Familien, die sich dank des Nachtzuges immer am Wochenende sahen. Dazu Einwanderer, Touristen, Musiker... Tausende, die mit dem Nachtzug durch Nordwest-Europa mit einem klimafreundlichen, sozialen Verkehrsmittel zogen.

Es konnte ja nicht lange dauern, bis die ganzen Fluggäste und Autofahrer aufwachen und mitfahren würden. Dieses war für mich eine Art, einen wichtigen Beitrag zum Schutz unseres Planeten zu leisten, eine gänzlich glänzende Zukunft.

Welch idiotisches, hubristisches Denken.

*

„Im Fahrplanjahr 2008 wurden die Verbindungen zwischen Berlin und Hamburg nach Paris über Bremen, das Ruhrgebiet und Belgien angeboten. Auf Grund einer langfristigen Baustelle im Bereich Bremen und wirtschaftlicher Betrachtung einer möglichen ganzjährigen Linienführung sind diese Linien im Fahrplanjahr 2009 in dieser Form jedoch nicht mehr mit dem gewohnten
Streckenverlauf produzierbar. Aus diesen Gründen entfällt ab 14. Dezember 2008 der CNL 236 Andromeda“ hieß es auf schönstem Bahndeutsch.

Entfällt?

Fällt komplett weg! Eine Lebensart. Ein Traum. Eine Zukunft.

Hamburg wird jetzt nur noch über einen Umstieg in Hannover nachts mit Paris verbunden. Brüssel wird gar nicht mehr angefahren. Statt über Nacht bequem von der Hansestadt nach Brüssel zu fahren und dann vor dem Frühstück in London zu sein, muss ich jetzt einen ganzen Tag aussetzen und erst in Köln und dann nochmal in der belgischen Hauptstadt umsteigen. Die Fahrt nach Paris wird ebenfalls länger durch die Umstellung – auch nachts.

Genug, um die ganzen Europa-Abgeordneten und Geschäftsleute wieder in den Flieger zu drängen: Lufthansa erhöht schon die Frequenzen.

Ich werde weiterhin Bahn fahren, weil ich das gar nicht anders kann. Wieder in das Flugzeug zu steigen wäre für mich das Ende meines Projektes, diese Erde zu verlassen, ohne bewusst auf ihr großen Schaden angerichtet zu haben.

Ich werde einfach mehr Lesematerial brauchen für die Fahrt. Werde mehr Zeit einplanen müssen und vielleicht mehr im Zug arbeiten, um das auszugleichen, statt mir die schönen, platten Landschaften und ganzen Industriestädte durchs Fenster anzuschauen.

Aber wie soll es weitergehen, wenn die Bahn dann Einschnitte in den Fernverbindungen tagsüber vornimmt? Denn das kommt bestimmt als nächstes. Ich werde zunehmend Rückschläge hinnehmen müssen, mich längeren und umbequemeren Reisen aussetzen müssen, bis ich 2050 wohl als einziger Fahrgäste mit weißem Bart und knotigem Wanderstock im letzten Fernzug von Hamburg nach Düsseldorf sitze.

Die Bahn sieht die Zukunft halt nicht so, wie ich sie sehe.

Ich bin also kein Vorreiter: Ich bin ein Atavismus.

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