"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Monday, 28 December 2009

Bei Rot überquert und im Knast gelandet

Wusste ich es doch! In Deutschland kann das mit Bei-Rot-Gehen schlimme folgen haben. In NRW ging einer Sonntagabend bei Rot über die Straße und kam ins Gefängnis.

Wobei ich habe da weniger zu befürchten: Ich bin nunmal weder vorbestraft noch habe ich eine ausstehende Strafe.

Aber immerhin: Das Mythos stimmt. Man sollte immer aufs grüne Männchen warten in Deutschland.

Hier geht es zu meinem Video zum Thema...

Monday, 14 December 2009

BSE-Blut

Anfang letzter Woche hatte ich gebloggt von wegen, ich würde gerne Blut spenden. Das habe ich nicht (nur) deswegen geschrieben, weil ich euch alle erzählen wollte, wie toll und sozial-verantwortlich ich bin. Sondern auch weil, als ich mich über die Webseite vom Spendedienst Hamburg las, ich ganz lustig fand, das der Spendedienst es für nötig hielt, sich dafür zu entschuldigen, dass sie erst nach der dritten Spende dafür Geld zahlen konnten. Im UK werden nämlich nur Tee und Keks als Gegenleistung aufgebracht (es sei denn, ich wurde mehrmals übervorteilt).

Und wer diese Freikekse mal verköstigen will, der muss gucken, dass ein gesundes Körpergewicht hat, nicht schwanger ist, und nicht irgendwelche Immunkrankheiten mit sich herumschleppt. Und dass er nicht homosexuell ist. Das ist zur Zeit Skandal in meinem Geburtsland: dass ein homosexueller Mann, der auch nur einmal sexuell aktiv gewesen ist – auch mit Kondome – kein Blut spenden kann.

Als ich also beim Blutspendedienst hier anrief, um mein wertvolles Blut vor den ganzen Winterkrankheiten zur Verfügung zu stellen, hatte ich mich schon auf einige aufdringliche Fragen befasst gemacht. Aber bei 83 kg auf 1,82 m, guter sportlicher Form und eher heterosexuellen Neigungen dürfte das eigentlich kein Problem sein, dachte ich. Außerdem habe ich O-Blut, den Alleskönner sozusagen, und werde deswegen gerne gesehen. Und vom blöden Witz, der mir Anfang der Woche nach Verlinkung auf das Blog getwittert wurde, von wegen Engländer würden wegen BSE nicht genommen, ließ ich mich beirren.

„Schön, Sie wollen registrieren. Haben Sie schon mal Blut gespendet?“

„Ja, mehrmals. Ich bin aber erst seit einem Jahr in Hamburg gewesen und habe das hier noch nicht gemacht.“

„Ach so, kein Problem. Wann und wo haben Sie denn zuletzt gespendet?“

„Peinlicherweise ist das schon zwei Jahre her. Wollte ich schon längst wieder gemacht haben, aber… Also, dass wäre Dezember 2007 in London gewesen.“

„In London?“

„Ja. Ich bin gebürtiger Engländer.“

„Aah. Haben Sie mehr als sechs Monate in England gelebt im Zeitraum 1985 bis 1996?“

„Kann man so sagen, ja. Ich wurde nämlich 1985 dort geboren und bin dort aufgewachsen.“

„Ach nein! Dann können wir leider Ihre Spende nicht annehmen. Wissen Sie, da war damals diese BSE… Das ist eine blöde Regel, aber so ist es.“

Nee, ne?

Monday, 7 December 2009

Blut spenden

Als ich noch in Engalnd an der Uni war, ging ein Kommilitone von mir Blut spenden. Mit missionärem Eifer redete er dann auf mich ein, ich solle das auch tun. Es sei teil meiner Bürgerpflicht, ein Ausdruck der Solidarität, eine Art, etwas an die Gesellschaft zurückzugeben und tralala und was weiß ich nicht alles.

"Darüber hinaus kriegste eine Tasse Tee und ein Keks umsonst." Ob das nicht ein Grund wäre?

Ich biss in meinen von ihm umsonst zur Verfügung gestellten Keks und überlegte mir das.

"Als Kaffee-Trinker haut mich das nicht vom Hocker. Und Kekse kriege ich immer irgendwo umsonst."

Dennoch habe ich das letztendlich gemacht. Hatte er doch recht wegen Solidarität und so.

Also würde ich gerne hier in Deutschland Blut spendieren und habe bei einem Dienst hier in der angerufen, um einen Termin auszumachen. Und da glaubte ich nicht richtig zu hören, als folgender Satz fiel:

"Wunderbar, Herr Melican. Aber Sie wissen, dass wir Ihnen leider erst ab der dritten Spende entgelten können."

Hört sich so an, als ob die mir mehr als Tee und ein Keks anbieten wollen...

Monday, 30 November 2009

Germany and the Germans

Letzte Woche im UK-Urlaub stieß ich in einem Oxforder Second-Hand-Laden auf ein großes, knalliges rotes Buch namens Germany and the Germans: An Anatomy of Society Today von einem britischen Autor John Ardagh. Spannend dabei: Das Buch wurde 1987 gedruckt.

Das heißt, vor mir lag eine Art intellektuelle Zeitkapsel: So kam Deutschland einem Briten vor 20 Jahren vor. Vor Mauerfall, vor Kosovo und Afgahnistan, vor Deutschland sucht den Superstar und der Europa-weite Herrschaft von Lidl und Aldi. Dem Klappentext nach zu beurteilen hatte der Typ wie ich in Oxford studiert und war auch Journalist gewesen: Quasi, als wäre ich 1987 schon in der Lage gewesen wäre, meine Blase selber zu steuern, mich selbst die Spucke vom Kinn zu wischen und im Alleinegang nach Deutschland aufzubrechen.Wie aufregend!
Ich fummelte im Geldbeutel nach einem Fünfer, schnappte mir das Buch und machte mich schnurstracks auf den Weg ins Café, um es ohne weitere Verzögerung zu verschlingen.

Nur sind es 700 Seiten oder so, also arbeite ich diese Woche noch dran. Folgendes lässt sich aber schon festhalten: Plus ça change, plus c'est le même. Denn Trotz Mauerfall und einer folglich stark geänderten außenpolitischen Lage beschäftigte sich die deutsche Gesellschaft von damals anscheinend schon mit den Themen, die uns heute umtreiben:

- schrumpfende Bevölkerung (trotz den neuen Bundesländer!)
- Vereinbarkeit von Kindern und Beruf sowohl für Väter als auch für Mütter, Gleichberechtigung im Berufsleben (von der Leyen-Familienpolitik und Kanzlerin hin oder her!)
- strukturelle Schwächen der Universitäten

Natürlich gibt es kleine Unterschiede zwischen den Debatten von damals und heute. Doch ist es recht auffällig, wie einem Ausländer, der vor 20 Jahren in Deutschland recherchiert und mit den Deutschen über ihre Gesellschaft gesprochen hat, dieselben Themen auffielen - und von den Deutschen genannt worden.

Ist da was daran, wenn viele Deutsche mir erzählen, die Wiedervereinigung habe die Aufmerksamkeit der Gesellschaft weg von damals schon dringenden Themen auf sich gezogen habe? Wenn sie Kohl vorwerfen, ab 1990 keine von den vielen nötigen Reformen unternommen zu haben? Wenn sie sich selbst der Selbstzufriedenheit beschuldigen?

Thursday, 19 November 2009

Wann ist ein Mann...?

Vorneweg: Ja, als Engländer darf ich mir so ein einleuchtenden Einstieg zum Thema erlauben. Denn bei mir ist es noch nicht abgegriffen.

Zum eigentlichen Thema: Naja, es handelt sich eigentlich um eine Frage.

Was hat es mit dem Wort "Männer" im Deutschen auf sich?


Und ist das schleichende Gefühl, die silben des Wortes "Männer" seien irgendwie konnotiert, nur subjektiv bzw. meiner Nichtmuttersprachlichkeit verschuldet? Oder empfinden das auch Deutsche so?

Hierbei handelt es sich für micht keineswegs um das Wort "Mann". Nein, "Mann" ist, wie "Frau" ein sachliches Wort für eine Person männlichen Geschlechts: Konnotationen fügt man dann mit "Typ", "Herr", "Junge" usw bei.

Nein, es handelt sich ausschließlich um die Mehrzahl "Männer", bei der ich einen leichten ironischen Dreh herauszuhören glaube. Nur kann ich nicht sagen, in welcher Richtung. Ich meine, bei "Ja, dann kamense die ganzen Typen..." ist es klar: Da kennt der Sprecher diese Menschen nicht, und dem ist es auch Wurst. Oder bei: "Und was hätten die Herren dann gerne?" will die Bedienung fragen, was die nicht-weibliche Gästen gerne bestellen würden - Konnotation: Höflichkeit, Deferenz. "Jungs, was wollt ihr bestellen?" würde die Situation umdrehen Richtung: Kumpels, Geselligkeit.

Aber in der Situation kann man das einfache Wort "Männer" irgendwie nicht benutzen - meinem (noch jungen) Sprachgefühl nach. "Da kamense, die Männer..." oder "Und die Männer? Was hätten sie denn gerne?" Das klingt komisch.

"Männer" hört sich irgendwie lustig an. Vielleicht denkt man als Deutsche nicht darüber nach, also hier paar Beispiele, die sie mal laut sagen sollen, um ein Gespür dafür zu entwicklen, was ich so meine:

- Männermode

- Männerportion

- Männer-WG

Also, Männermode ist keine normale "Men's fashion", keine einfache Herrenmode; da stellt man sich irgendwie Lederjacke für Malboro-Raucher mit Stoppelbart und aufgeschlitze Jeanshosen für Bauarbeiter vor.


Und eine Männerportion, das ist irgendwie nicht nur eine größere, auf die biologischen Kalorien-Bedürfnisse von Männer zugeschnittene Portion.


Und eine Männer-WG. Naja. Das ist definitiv in der meisten Sprecher Vorstellungen mehr, als eine WG, wo nun mal Männer die Besatzung darstellen.

Monday, 16 November 2009

Brecht, Grönemeyer - nur in Deutschland?

Es gibt so Theaterstücke, die man nur in Deutschland produziert bekommt.

Und hierbei will ich eigentlich nicht über Brecht schreiben, der trotz des vermeintlich unübersetzbaren "Verfremdungseffekt" auch in England durchaus ein Publikum findet. Wiederum war Brecht ein Verfechter der Didaktik auf der Bühne - und darum geht es mir in erster Linie.

Ich war gestern nämlich auf der Uraufführung vom Musical "Der kleine Medicus". Das ist die Umsetzung vom erfolgreichen gleichnamigen Kinderbuch von Dietrich Grönemeyer (ja, Bruder des berühmten Herbert...). Für die, die es nicht wissen: Der kleine Medicus ist ein kleiner Junge, der gerne Arzt werden will und durch wessen Erfahrungen andere Kinder über ihren Körper und über ihre Gesundheit lernen sollen. Und aus diesem Buch ist nun eine Bühnenproduktion geworden.

Also ist das ganze Unternehmen vom Anfang an didaktisch. Im Theater sollen Kinder lernen. Eigentlich nichts Neues, denn es gibt mal seit jeher Didaktik auf der Bühne: das sind nämlich Vorlesungen. Das ist ja das, was dabei rauskommt, wenn man Menschen Stoff beibringen will und dazu auf der Bühne steht und diesen Stoff spricht.

Und weil Grönemeyer das wohl weiß - und weil er wohl weiß, dass Kinder in der Regel keine Vorlesungen mögen - hat er sich dafür entschieden, die Vorlesungen mit Witzen und Action zu versüßen. Wie das funktioniert? Nun, der kleine Medicus wird geschrumpft und in Menschenkörper geschickt, um sich alles von innen anzugucken und um diese Menschen vor einem Bösewicht zu schützen, der ebenfalls in geschrumpter Form in ihnen unterwegs ist.

Nach den ausgiebigen, für Kinder bestimmt spannenden Specialeffects, die für diesen Trick benötigt werden, kann die Vorlesung dann beginnen. Da müssen sich die Kinder nur einen fünfminütigen Beitrag zum Thema Verdauung (mit großen Wörtern wie "Kohlenhydrate" und alles drum und dran) reinziehen und dann geht es wieder witziger zu: Der kleine Medicus muss nämlich aus dem Blinddarm wieder raus und das geht ja nur über einen Weg. Stichwörter "Pups" und "Ich muss mal". Da dürfen die Kinder wieder lachen.

Zum Thema Klo: Der Grönemeyer versteht die Kinderpsychologie ja hervorragend und hat nicht nur gemerkt, dass Kinder keine allzu lange Vorlesungen vertragen, sondern auch, dass Kinder sich über Körperausscheidungen regelrecht kaputtlachen. Und da kommen wir zu noch so einer Nummer, die man wohl nur in Deutschland - in einem Land, wo sich Menschen mehr als unbefangen über ihre Hinterlassenschaften unterhalten - bringen kann.

Denn, wenn die Vorlesungen besonders lang geraten und die Kinder unruhig werden, widmet der Grönemeyer gerne eine ganze Szene dieses Musicals dem Thema Klo. Der große Bösewicht verliert nämlich dadurch das Spiel, dass sein Anhänger dringend pissen muss. Worüber er dann ein Lied singt. Da dürfen die Kinder natürlich auch lachen.

Das gibt es auf der Bühne in dieser Konstellation und in dieser Form wohl nur in Deutschland: oberlehrerhafte Vorlesungen zur menschlichen Biologie gemischt mit lauter Klo-Gags, alles schön mit knalligen orangefarbigen Kostümen und nachgemachten 80er-Jahre-Mucke und Schlager-lite der übelsten Sorte. Und das alles völlig unironisch gemeint und sich an Kinder - ja, an Kinder, die Armen! - ausrichtend.

Das kriegst du wirklich nur in Deutschland produziert.

Und selbst dann wohl eigentlich nur in dem Falle, dass du mit Nachnamen Grönemeyer heißt.

Friday, 13 November 2009

Die Steuerberater

Ich habe schon einmal hier was zum Thema Steuerberater geschrieben. Ich finde nämlich, dass der Berufsstand in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert einnimmt. Es sprechen Menschen über Steuerberater, als ob das Allgegenwärtige, Allmächtige wären. Es sprechen auch Steuerberater über Steuerberater, also ob sie - wenn nicht allmächtig sind - zumindest verdammt wichtig.

Sie sind eben stolz auf ihren Beruf. Und in Deutschland haben sie ein Land, in denen die Menschen sich gerne gegenseitig austricksen. Wer also seinem Nachbar gegenüber behaupten kann, er haben seinen Porsche absetzen können aus irgendwelchem Grund, der hat den Vorteil - frei so nach dem Loriot-Motto: "Ja, aber ich kann's halt schneller als Sie". Übrigens ist das deutsche Steuersystem bekanntermaßen kompliziert und wer damit einfallsreich umgehen kann, dessen Tätigkeit wird gut entlohnt; der ist gefragt.

Der Macht der Steuerberater wurde mir neuerdings wieder besonders bewusst bei einem nächtlichen Spaziergang in Berlin. Am Hackschen Markt lief ich nämlich am "Haus der Steuerberater" vorbei.


Ich habe nachgeschaut. In UK ist gibt es erst seit 1997 einen Verein der Steuerberater, und sitzen tun sie nicht an irgendwelchem schicken Londoner Platz, sonder in Exeter im tiefen Westen. Desewegen fallen sie in England nicht auf. Kein Wunder: In einem Land ohne Pendlerpauschale und ohne die Möglichkeit, Kinder steuerlich abzusetzen, werden sie eben weniger gebraucht.

Wednesday, 11 November 2009

Düsseldorf, ich komme!

Ach, heute haben wir den 11.11: Was ist das denn für ein schöner Tag!

Nicht nur der Tag, an dem sich meine Lieblingsländer Großbritannien, Frankreich und Deutschland versöhnen und gegen den Krieg mahnen - eine sehr würdige Angelegenheit - sondern auch der erste Tag der fünften Saison im Rheinland: Karneval!

Ich kann kaum warten. Meinetwegen könnten wir schon durch Dezember und den ganzen Weihnachtenkrams vorspülen. Januar sowieso. Ich will sofort in die Altstadt, ich will Altbier trinken, ich will schunkeln.

Aber gut Ding will weile haben. Und vorfreudemäßig kann ich mir folgendes gönnen...

Monday, 9 November 2009

Ein Deutschland-Bild zum Mauerfall


Aus dem Reichstagskuppel Richtung Südosten: Das, was im Mittelfeld des Bildes liegt, war früher Todesstreifen.

Thursday, 5 November 2009

BIG BEN in Berlin

Mir ist schon sehr früh nach meinem Umzug nach Deutschland aufgefallen, dass hier Autos nach Stadt gekennzeichnet wird. Zuerst habe ich die Logik eines solchen Systems nicht erkannt: Wagen werden nämlich dafür gebaut, dass sie gefahren werden – sprich: sie haben nur in geringem Umfang eine Ortsverbundenheit. Manchmal zieht man um zum Beispiel, mit – und wohl mittels – Wagen, und muss das Ding erstmal neu anmelden und ein neues Schildchen dran schrauben lassen. Was bringt das einem? In Großbritannien wird jeder Neuwagen halt mit einer bedeutungslosen Nummer ausgestattet, die er sein ganzes Leben lang eben behält. Und fertig.

Unterwegs mit Kindern in einem Wagen versteht man aber sofort einen Nutzwert der Stadt-gebundenen Schildchen. Deutschland ist nämlich äußerst kinderfreundlich und der Heimat von vielen pädagogischen Bewegungen internationaler Bedeutung; also gehört es sich natürlich, dass sich die Kleenen auf langwierigen Autobahnfahrten unterwegs mit Städte-Spotting-Spielchen amüsieren und dabei geografische Kenntnisse aneignen können.

Einen anderer Pluspunkt von den deutschen Kennzeichen gegenüber dem von Wurstigkeit durchdrungenen englischen System ist mir aber erst neuerdings auf einen Besuch in die Bundeshauptstadt aufgefallen. Und zwar: Mit dem ersten Buchstaben (in diesem Falle ja das „B“) kann man sich so einiges einfallen lassen, wenn man sein Schildchen personalisieren möchte. Ich musste zugegebenermaßen zunächst von einer adleräugigen Freundin darauf aufmerksam gemacht werden – anhand des Beispiels „B IG“ – aber danach merkte ich so manch eine einfallsreiche Kennzeichnung. Am geilsten fand ich „B MX“ (wohl ein begeisterter Fahrradfahrer) sowie „B RI“ – unter 3,4 Millionen Berlinern müssen paar wie ich „Brian“ heißen – und das selbstreflexive „B KA“ – wobei das Schild muss ja wohl noch in Karlsruhe überprüft werden wie eben das Gesetz zur Kraftfahrzeugüberwachung.

Solche Spaßmöglichkeiten waren mir in Dortmund, Münster und Hamburg noch nie aufgefallen – denn „DO“, „MS“ und insbesondere „HH“ geben nicht viel her. Es sei denn, man heißt irgendwie Heinz Heinemann oder so, aber das versteht dir eh keiner. Ich werde aber bei meinen nächsten Düsseldorf- und Köln-Besuchen besser aufpassen; da kann man schon paar gute Sachen machen, denke ich mir mal.

Thursday, 29 October 2009

Ist die Rhein-Ruhr S7 eigentlich eine Zeitmaschine?

Ein Besuch bei meinen Pateneltern in Solingen wirft immer viele - oft existentielle - Fragen auf. Zum Beispiel ob ich noch einen Pfannkuchen schaffe. Oder ob ich noch einen Kaffee möchte. Oder ob ich - davon ausgegangen, dass ich bei fast nichts helfen darf und nirgendwo zu Fuß hin muss - überhaupt noch was zu mir nehmen will.

Aber nicht nur diese Fragen (die übrigens alle bejahend zu beantworten sind) kommen in Solingen auf, sondern auch die schwierige wissenschaftliche Frage nach der Beschaffenheit der Zeit.

Inwiefern?

Insofern, dass ich Solingen meistens nach einem Besuch bei Freunden in der schönsten Stadt am Rhein mit der S7 von Düsseldorf aus anfahre. Einsteigen tue ich definitiv in dem teuren, handy- und Blackberry-überlaufenen Hierundjetzt; aussteigen tue ich anderswo in einer anderen Zeit.

Woran ich diese Umstellung erkenne? An den Haarschnitten. Irgendwo zwischen Düsseldorf-Eller und Hilden-Süd fahren wir über die Grenze zwischen dem Jetzt und dem Reich des Vokuhilas. Da er in nicht-ironisch getragener Form vom Thron der Aktualität schon gen Ende der 80er endgültig abgesetzt wurde, kann ich nur davon ausgehen, dass die Vokuhila-Dichte an Solingen darauf hinausdeutet, dass Solingen tief in einer Zeitschleife sitzt.

Unterstützend für diese Theorie: Die Tatsache, dass den meisten Menschen in Solingen "Mitbewohner" erfahrungsgemäß noch ein Fremdwort ist; Die Belebtheit der örtlichen Reiseagenturen - Geschäfte, die in anderen Städten schon aussterben; Der wunderbare Kaffeepreis, der immer noch unter 1 Euro liegt und sowieso oft in "Pfennig" von der Verkäuferin angegeben wird. Deren Pulli weist natürlich auch einen super-schicken 80er-Jahre-Schnitt auf.

In einem Wort: Ich liebe Solingen!

Thursday, 22 October 2009

Habe ich einen Schatten?


Erstaunlich, dass es mir auch nach paar Jahren in Deutschland immer noch vorkommt, dass ich mal ahnungslos, völlig ohne Schimmer dastehe.

In den meisten Fällen aber merke ich, dass meine lange Ausbildung zum Sprachwissenschaftler und meine nicht unerheblichen Erfahrungen in Deutschland mich in die Lage gesetzt haben, neue Wörter sofort aus dem Kontext herauszuinterpretieren; welch Fähigkeit mir schon oft in den verschiedensten Situationen zugute gekommen ist.

Doch heute Morgen hörte ich wie üblich Deutschlandfunk und kam schon bei der ersten Meldung in der Nachrichtenzusammenfassung um 08:00 nicht mit: FDP und CDU/CSU würden sich einen "Schattenhaushalt" überlegen.

*Ratter ratter ratter*

Hm. "Schattenhaushalt". Was könnte das denn bedeuten? "Schatten"?

*Ratter ratter ratter*

Naja, dass sind Parteien, die immer die SPD wegen Schuldenmacherei geißeln. Also wird das schon irgendwelche Sparmaßnahme sein.

Oder?

Dann höre ich weiter zu und dann glaube ich zu verstehen, dass "Schattenhaushalt" so viel heißt wie: mehr Geld ausgeben, als wir eigentlich haben, und dann noch einen "Nebenhaushalt" (Duden - Synonym für "Schattenhaushalt") führen, damit die dadurch verursachten Schulden in eine andere Bilanzierung ausgelagert werden können (was sich jetzt nach der Wirtschaftskrise und "Badbanks" schon furchtbar vertraut anhört...)

Das ist jetzt zugegebenermaßen nur meine persönliche Auffassung als Nichtmuttersprachler; vielleicht habe ich ja den Schatten.
Das Bild habe ich dem User westpark auf Flickr zu verdanken.

Tuesday, 20 October 2009

Kürbis

Nächste Woche bin ich für das Lost in Deutschland Video-Blog zum Thema "Kürbis" unterwegs.

Nur relativ selten habe ich es mit einem für mich so eindeutigen Fall zu tun. Viele kulturelle Unterschiede, die ich so aufgreife, wollen erstmal recherchiert werden. Denn es gibt im Grunde genommen bei allen interessanten Abweichungen wohl mehr deutsch-britische Ähnlichkeiten als etwa britisch-amerikanische: der Sozialstaat (allerdings in unterschiedlicher Qualität...), öffentliche Verkehrsmittel (ditto), ständiges Scheißwetter.

Apropos Verkehrsmitteln: Ist es also wirklich so, musste ich mich zum Beispiel fragen, dass man in Großbritannien immer seine Fahrkarte vorzeigen muss, um auf ein Bahnsteig zu gelangen? Es gibt nämlich sicherlich irgendwelche Kleinkaffbahnhöfe, wo das nicht der Fall ist, auch wenn ich das aus meinem Leben dort so kenne.

Auch zu überprüfen war erstmal zum Beispiel die Sache Stadtbahn. Denn eigentlich ist die U-Bahn in London auch nicht 100% unterirdisch. Ich habe mich dann doch entschieden, das Thema umzusetzen, weil die U-Bahn in Großbritannien bei genauerer Betrachtung zwar mal überirdisch, aber immer vom Straßenverkehr getrennt fährt. Diese deutsche U-Bahn-Züge, die plötzlich mitten im Straßenverlauf auftauchen und unerfahrene Engländer schockieren, gibt es nicht.

Doch bei Kürbis ist es von vornherein ganz klar. In England gibt es auch "Pumpkins" im Herbst - aber meistens unter amerikanischen Einfluss zum Halloween-Schnitzen. Nichtsdestotrotz gibt es auch Esskürbisse in den letzten Jahren dank Fernsehköchen und wachsender kulinarischer Abenteuerbereitschaft zunehmend. Aber in Fülle und Hülle wie hierzulande gibt es Kürbisse wohl nirgendwo.
Deswegen freue ich mich unheimlich auf die Ausstellung, die wir nächste Woche in Dormagen aufnehmen werden: Denn in Hamm vor vier Jahren erlebte ich meine erste deutsche Kürbisschau. Und die sah schon hinreißend aus.


Thursday, 15 October 2009

Das ist Deutschland


Punkthäuser am Abend mit verdammt vielen Bäumen*: Wenn ich ab morgen nie wieder in Deutschland sein würde, würde ich mir das - neben diesen komischen Säulen mit Werbung drauf und ein Pils mit einer schönen Krone, unter Anderem - als Deutschland-Bild merken.

*Ein ehemaliger Mitbewohner von meinem langjährigsten Freund sagte mir einst, nachdem ich ihm erzählt hatte, ich studierte Germanistik: "Ach so. Ich war ja einmal in Deutschland. Verdammt viele Bäume."

Monday, 12 October 2009

Anglizismus-Center Deutsche Bahn

Das Ding mit Anglizismen ist, dass die sich auf den Deutschsprachigen natürlich nicht so auswirken, wie auf den Englischsprachigen.

Zum Beispiel diese Konstruktion "das Ding ist" - für mich eine ganz normale Art, einen Satz auf den Weg zu bringen. Für den Deutschen eine holprige, überflüssige Alternative für "es ist so, dass" und Ähnliches.

Und anders rum gibt es Anglizismen, die sich für das deutsche Ohr besser anhören als für das Englische. Wie im bekannten Beispiel "Bodybag": Denn "Body" für den Deutschen klingt nach Sport, Schweiß und anschließender Schönheit. Für den Engländer ist Body nicht nur "Körper" sondern auch "Leiche" - daher Bodybag als Leichensack.

Das kann der Deutsche natürlich nicht wissen. Und wenn er das Wort in seiner Sprache so einsetzen will, dann sei es ihm auch gegönnt. Das mag sich für den Engländer komisch anhören, aber unsere Sprache ist es nicht und nur die wenigsten von uns geben uns überhaupt die Mühe, sie nur ansatzweise zu lernen.

Doch kann ich mir das Lachen einfach nicht mehr verkneifen, wenn ich englische Wörter plakativ zweckentfremdend eingesetzt sehe. Super-lustig ist immer in der deutschen Lokalpresse zum Beispiel das Wort "City". "Gestern in der Hammer City..."; "Neue Umgehungsstraße für die Soester City"; "Buchholzer City muss neu konzipiert werden". Der Zusammenprall zwischen der deutschen Vorstellung einer City (so in etwa die Stadtmitte von einer Kleinstadt) und meiner Vorstellung einer City (eine Großstadt ab 250.000 Einwohner...) ist einfach zu dolle.

Und noch so ein Wort ist "Center" bei der Deutschen Bahn. Da geht - bzw. kreist es seit einiger Zeit nur noch darum, Anlagen in Centers umzubauen. Neuerdings gesehen in den großstädtischen Hauptbahnhöfen: "Toilet Center".

Dabei ist Center für den Engländer so was wie ein Call-Center, Firmensitz oder große Einkaufspassage: Also keine WCs.

Und aus jeder Fahrkartenausgabe in jedem Bahnhof ist schon längst ein "Reisezentrum" geworden, was ich schon grenzwärtig finde. Denn für mich ist ein Zentrum nicht zwei Schalter in irgendeinem Kaff-Bahnhof. Also: Nichts gegen die Lebenstedter City in der Metropole Salzgitter, aber das hier geht einfach gar nicht:


Ich warte jetzt nur noch darauf, dass diese Hütte in "Travel Center" umbenannt wird mit anliegendem "Toilet Center" - das dann natürlich ebenfalls aus Wellblech und billigem Kunststoff besteht. Oder der vielleicht einfach nur ein Loch im Boden ist.

Aber das Ding mit Anglizismen ist eben auch, dass sie sich chic anhören. Es macht vom Gefühl her schon was aus, ob ich meiner Notdurft in einem "Scheißloch" oder einem "Toilet Center" verrichte.

Friday, 9 October 2009

Bei der Zahnärztin

"Also, Herr Melican, das sieht ja alles wunderbar aus. Da Sie nur zur Kontrolle hier sind, machen wir einfach nochmal ein bisschen sauber und das war's bis nächstes Jahr."

"Alles klar."

"Dann machen Sie mal den Mund auf... Ach so, haben Sie schon gemacht."

"Ja, da bin ich gut drin."


*knirsch* *knirsch* *bürst* *knirsch* *bürst*


"Gut, dann war's das auch. Sagen Sie mir mal, benutzen Sie Zahnseide?"

"Naja, habe ich mal versucht. Aber meine Zähne sind, wie Sie sehen, ganz eng aneinander gepackt und die ganzen Seiden sind immer zerfasert worden und blieben auch mal zwischen den Zähnen stecken."

"Haben Sie denn keine Bandseide empfohlen bekommen?"

"Band-Seide?"

"Ja, so hier."

"Habe ich noch nie gesehen."

"Komisch. Wo haben Sie vorher gewohnt nochmal?"

"England."

"Ach so. Alles klar."

*

"Also, Herr Melican, wir sehen uns nächstes Jahr. Frohes Weihnachten, ne?"

"Äh, ja. Klar, Ihnen auch. Aber wollten Sie nicht Geld von mir haben oder so?"

"Was?! Für 'ne Kontrolle?"

"Ja, aber da haben Sie so ein bisschen gewerkelt gerade und ich dachte... Naja, in England hat das mir noch umgerechnet €25 gekostet. Wollen Sie nicht zumindest eine Praxisgebühr nehmen?"

"Nein, Herr Melican, alles in Ordnung. Wir sind ja in Deutschland hier!"

Tuesday, 29 September 2009

Oktoberfest & Wahlergebnis: Gefühlsachterbahn schlechthin

Boah, das waren fünf heftige Tage.

Mittwoch ging es los nach München. Zum ersten mal in der Bayernmetropole, und das gleich zum Oktoberfest! Aber erstmal gab es an dem Abend eine Riesenwohnung in Schwabing mit Billiardtisch zu bestaunen, dann kam ein kurzer nächtlicher Umzug zu einer Freundin, bei der ich netterweise übernachten durfte. Donnerstag ging es dann in der unbekannten Stadt gleich morgens los mit der Suche nach Lederhosen mit einem begrenzten Budget, die nach vielen Enttäuschungen bei Wiesn, Tracht & Mehr glücklich ausging. Folgte ein kurzer Ausflug zum Spotlight Verlag in Planegg, wo ich mich netterweise umziehen durfte und dann rein ins Getümmel.

Die Größenordnung hat mich am meisten überrascht - und fast eingeschüchtert. Dann aber die Freundlichkeit, die, wie wir während der ersten Berichterstattung erfuhren, sehr ausgeprägt ist. Dann diese Zelte! Dieses Bier! Diese Gemütlichkeit!

Die gesammelte Erfahrungen über einen Wiesnzeitraum von drei schönen sonnigen Tagen erspare ich euch. Ich denke, es ist wohl klar, was ich da so ungefähr betrieben habe. Aber meine tiefe Liebe zur Deutschland wurde bei jedem "Prosit der Gemütlichkeit" noch stärker. "Gemütlichkeit" ist nicht auf Englisch mit einem Wort zu übersetzen - es ist Freundlichkeit, das Urige, das Gesellige, alles im Einen. Und Gemütlichkeit auf dem Oktoberfest ist eben Deutschland erster Sahne.





Allerdings können die Sachen sehr schnell umschlagen. Stellt euch mal vor: sechs Stunden verkarterte Zugreise nach Hamburg und dann diese Hammer-Nachricht, dass wir eine Schwarz-Gelbe-Regierung haben werden. Dazu Regen, Nasskälte, Schietwetter. Es wird ab sofort ungemütlicher in Deutschland.

Vor allem mit Westerwelle. Mit der Kanzlerin bin ich schon nicht einverstanden, aber sie ist noch irgendwie nett. Westerwelle hat aber einen Tonfall darauf, bei dem er sofort umsympatisch wirkt. Und dann wurde ich heute hierauf aufmerksam.

Klar hat Westerwelle eigentlich recht. In der Regel sollte man in Deutschland Deutsch reden. Aber ist es hier nicht einfach ein bisschen kleinlich, zumal klar ist, dass er schon versteht, was man mit ihm redet? Und zumal er zugibt, dass er die Frage schon auf Deutsch beantwortet hat?

Es zeugt nicht von dem, was ich sonst immer an Deutschland schätze, von dieser internationalen Ausrichtung, die wir gerade in England eben nicht haben. Diese schöne Internationalität, die zum Beispiel bedeutet, dass meine Mutter, wenn sie zu Besuch ist, immer jemanden findet, der ihr auf Englisch erklären kann, wie sie vom Flughafen zu mir findet.

Wenn sie zum nächsten Mal kommt, will ich nun mal hoffen, dass sie frisch gelandet nicht zufällig auf Westerwelle - auf denjenigen, der gerne der nächste Außenminister wäre, trifft...

Friday, 18 September 2009

I heart SPD


Mein erstes Praktikum bei einer deutchen Tageszeitung machte ich 2006 bei der Financial Times Deutschland. Kurz nach meiner Ankunft hatte ich ein Treffen mit dem Leiter Personal und Recht, Adrian Schimpf, der mir erklärte, was die FTD - junger Ableger der britischen FT - so für ein Blatt war.

"Die FTD will gewissermaßen die Attitüden und Angewohntheiten der angelsächsischen Presse nach Deutschland bringen. Herr Melican, Sie kommen aus Großbritannien, wo es für eine Zeitung ganz üblich ist, eine Wahlempfehlung auszusprechen. Das darf man in der deutschen Presse beispielsweise nicht. Aber wir haben es 2005 getan."

Seitdem habe ich reihenweise Praktika in den deutschen Medien gemacht - und habe gesehen, wie das stimmt. So was macht man hierzulande nicht.

Aber zum Glück bin ich nicht nur Brite, sondern jetzt Freiberufler, und darf das. Also: Deutsche, wählt SPD!

Tut das für mich, armen Flüchtling von der konservativen Insel, der teilweise wegen sozialdemokratischen Werten nach Deutschland gekommen ist.

Tut das bitte für alle, die im heutigen Deutschland durch die Errungenschaften der Sozialdemokraten besser leben. Denn die Reichen leben ja immer gut, egal was für eine Regierung an der Macht ist.

Tut das wegen der über 140-jährigen Geschichte dieser stolzen, manchmal eigenwilligen und trotzigen aber grundsätzlich guten Partei.

Und da ich euch eine Wahlempfehlung ausspreche, dürft ihr ein Geheimnis über mich erfahren: Eigentlich bin ich eher Grün. In der Europawahl - wo ich in Deutschland meine Stimme abgeben durfte - habe ich ja Grün gewählt. Aber jetzt habe ich meinen Fehler eingesehen. Könnte ich jetzt in der Bundestagswahl wählen, würde ich sofort SPD wählen. Denn eine Stimme für die Grünen nutzt wenig, wenn sie mit der SPD nicht koalieren kann. Schwarz und Grün vermischen sich nämlich zu einem schmuddeligen Schwarz mit wenig Grün dabei.

Schwarz-Grün heißt: Keine Atomkraftwerke, dafür aber wirtschaftsliberale Politik in jedem anderen Ressort. Noch schlimmer wäre: Schwarz-Gelb! Neoliberaler Kackscheiß à la Friedrich Merz bis zum Gehtnichtmehr. Westerwelle an der Macht? Das gilt es zu verhindern. Thatcher hat den britischen Sozialstaat zerstört; bitte lasst keine männliche Kopie von ihr sowas auch noch hier anrichten.

Nur auf die SPD kann man sich verlassen, dagegen was zu unternehmen. Man muss ja aber nur für die stimmen! Denn ich denke, viele Deutsche wähnen sich geborgen, so nach dem Motto: man kann ja anderweitig wählen oder nicht wählen gehen, die Sozialdemokraten sind ja nämlich da und werden sowieso die schlimmsten Exzessen eindämpfen.

Aber wenn keiner für die seine Stimme abgibt, sind sie irgendwann mal eben nicht mehr da.

Und Deutschland, Europa, die Welt wäre ohne die SPD um einiges ärmer.

Wednesday, 16 September 2009

Doktor, Doktor!

Um das vorne weg zu sagen, finde ich die gesundheitliche Versorgung in Deutschland ganz prima. Wenn ich höre, was hier Menschen für eine tolle Leistung bekommen, wenn sie krank werden, kann ich nur staunen. Der NHS in Großbritannien möchte ich zwar nicht schlecht reden, denn der ist schon gut. Aber hierzulande zeigt man, dass es noch besser geht.

Ich kenne nämlich Deutsche, die nach jahrelanger Wohnhaftigkeit im UK immer noch auf OPs und Behandlungen nach Deutschland zurückfliegen. Die müssen es wissen.

Eins, was in England anders ist, ist das "GP system". Das heißt, wenn ich krank werde und es ist nicht dermaßen akkut, dass ich direkt ins Krankenhaus muss, gehe ich zum GP (oder "Hausarzt"). Er ist meine Anlaufstelle für alles, also.

Heute morgen wollte ich zum Arzt. Ich hatte nämlich gestern einen Fahrradunfall, bin über den Lenker geflogen und bin auf das rechte Handgelenk geprellt. Anfangs tat es nicht weh und ich - typisch schwer zu behandelnder Mann - bin einfach weitergeradelt und meinen Abendplan verfolgt. Bewegen konnte ich alles. Also keen Ding.

In der Nacht aber tat das Handgelenk sehr weh. Da ich keine Medikamente mag, habe ich keine genommen, aber wurde deswegen von den Schmerzen paarmal wach. Aber nichts zu dolles, muss man sagen. Heute morgen habe ich mich also vorsichtigerweise entschlossen, kurz zum Arzt zu fahren. Eine bekannte von mir hatte sich nämlich den Finger gebrochen, aber stellte das erst nach fünf Tagen und einen verspäteten Arztbesuch fest.

Aber zu welchem Arzt?!

Ich fang bei meinem Hausarzt in der Eimsbüttler Osterstraße 116, einem achtstöckigen Hochhaus voller Ärzte, an. Also, was heißt "mein"? Ich war einmal bei ihm im Winter - mein erster und bis heute letzter Arztbesuch seit Jahren. Dort wurde ich allerdings beraten, zu Hausnummer 59 runterzufahren. Da würde es nämlich einen Orthopäden geben: der sei viel besser qualifiziert.

In dieser Praxis werde ich dann beraten, zum Handgelenkspezialisten zu fahren. Der sei nämlich besser qualifiziert und ganz in der Nähe, in der Osterstraße 116.

Alles klar.

Dann ist alles glatt gelaufen. Eine Stunde, strax: Untersuchung-Röntgen-Besprechung - fertig.

Aber manchmal wünsche mir einen "GP" her, den ich kenne, und der alles über mich weiß. Wobei das wiederum die Schwierigkeit hat, dass er eben nicht mit jeden denkbaren Medezinbereich eng vertraut ist und wohl paar Sachen so übersehen würde.

Aber manchmal - vor allem Dingen, wie ich zum zweiten Mal im Fahrstuhl in der Hausnummer 116 Osterstraße sitze - wünsche ich mir den trotzdem her.

Monday, 14 September 2009

10 sehr deutsche Dinge, die mir im Urlaub in Großbritannien und Frankreich gefehlt haben.

1. Das Brot (selbst in Frankreich ist es nicht so vielfältig und schmackhaft)

2. Das Bier (Englisches Bier: entweder zweitklassige Importwaren aus Deutschland, oder dieses komische Alt-ähnliches Geplörre, warm, ohne Sprudel)

3. Die Bahn (speziell: schöne Durchsagen auf Bahndeutsch; olle ICs, wo man dat Fenster runnermachen und rausgucken kann; meine BahnCard50)

4. Den Baggersee (sowie gute Schwimmgelegenheiten generell: ordentliche Schwimmbäder gibt es nur in Deutschland)

5. Die Blondinen, ach!, die schönen Blondinen...

Monday, 24 August 2009

Deutsche Organisation

"Ja, wir waren in so einem Burger-Restaurant mit All-you-can-eat."

"Ach so, und wie war's denn?"

"Naja, ging so. Super-leckere Burger, aber hätten wir halt besser durchorganisieren sollen. (...) Brian, was lachst du so?"

"Nur... nur in Deutschland... Burger-all-you-can-eat und das Verb 'durchorganisieren' in einem Satz. 'Tschuldigung."

Thursday, 20 August 2009

Lost im Wahlkampf

Jetzt geht es in die heiße Phase: Wahlkampf ist angesagt!

Über den "Wahlkampf" ist seit Monaten in den Zeitungen geschrieben, im Radio gesprochen und im Bekanntenkreis sich überhaupt nicht aufgeregt worden. Ich sitze als Nichtwahlberechtigte schon mit Popkorn am Start und Füße auf dem Sessel vor mir im Kinosaal - und der Film fängt nicht an.

Monatelang hieß es von der SPD sowie von der CDU: "Wir befinden uns noch nicht im Wahlkampf", was meines Erachtens als Brite, dessen Land zum letzten Mal im Zweiten Weltkrieg eine Koalition erlebt hat, soviel hieß wie: "Wir dürfen uns noch nicht gegeseitig anmotzen".

Jetzt heißt es: "Der Wahlkampf hat begonnen", und somit "Angela Merkel hat noch 40 Tage, einen überzeugenden Plan für Deutschland vorzulegen" oder "Frank Walter Steinmeier hat nur noch 40 Tage an der Spitze der SPD".

"Wahlkampf" heißt aber viel mehr als sich gegenseitig etwas lahme Vorwürfen machen. Wir befinden uns ja schließlich im Vergnügungsland Deutschland. Und was für ein nationales Ereignis wäre der deutsche Wahlkampf denn, wenn es sich nicht irgendwie um Bier handeln würde.


video

Übrigens fand diese Wahlkampf-Veranstaltung auf dem Hamburger Dom, auf einer Kirmes also, statt. Deutscher geht das kaum. Naja, vielleicht auf einem Schützenfest oder in einem schönem Allwetter- oder eben Freibad mit Currywürste zur Stärkung, aber egal.

Und ebenfalls geht es in der Politik kaum deutscher als Franz Münterfering, wie ich finde. All die schönen sozialdemokratischen Stichwörter, deren englische Äquivalente sich die Labour Party in Großbritannien seit Jahren hat verkneifen müssen, kommen bei ihm vor: "Arbeit", "Industrie", "Anspruch", "Leistung", "Sozialstaat". In diesem Clip, zum Beispiel, sagt er, es gehe darum, "industrielle Arbeitsplätze" beizubehalten. Das kann man sich in Großbritannien überhaupt nicht leisten: Industrie ist schmutzig, altmodisch und kommunistisch. Es muss auch durch die angeblichen Linken dort die bescheuerte Vorstellung bedient werden, alle können zu Managern aufsteigen, wenn es nur wollen.

Aber hierzulande kann man sich als Linksstehender noch so richtig austoben.

Ja, Wahlkampf in Deutschland macht halt richtig Spaß. Vor allem für den Wähler. Als Wahlberechtigter bekomme ich von einer Volkspartei versprochen, dass sich der Vater-Staat um mich kümmert und mir einen Arbeitsplatz schafft - und bekomme noch ein gratis Bier dazu, bitte, wenn ich diesen kleinen Zettel bei der Kellnerin einlöse.

So hat man seit Jahrzehnten nicht mehr Politik gemacht in meinem Geburtsland. Die Briten sind da zu ironisch und misstrauisch: "Was? Freibier UND Arbeit UND die Rettung des Sozialstaates? Ob ich das wohl glaube..." Der Brite findet das alles too much. Er glaubt grundsätzlich, dass sich die Dinger verschlechtern. Einer, der im verspricht, es geht besser, ist schon suspekt. Und wenn er dann mit Freibier kommt, riecht er Lunte, kommt sich wie verarscht vor: "So billig kriegste meine Stimme nicht". Im deutschen Wahlkampf scheint das alles irgendwie noch zu gehen.

Wobei es überhaupt nicht so ist, als ob die Deutschen blauäugig und unreflektiert sich darauf einlassen. Die wissen alle schon, was Sache ist. Selbst Münte gibt es in einem anderen Part seiner Rede, die wir nicht aufnehmen konnten, zu: "Wir wollen Politik bringen, nicht nur euch abfüllen wie die CSU auf dem Oktoberfest."

Sagt er im Bayernzelt auf dem Hamburger Dom und lacht, während die Kellnerininnen in Dirndln noch eine Runde verabreichen.

Na also, die deutsche Öffentlichkeit ist doch ironisch-modern geworden. Es ist nicht mehr wie in 50er Jahren, als man den Arbeitern einfach Bier schenkten, bis sie en masse für einen ihre Stimme abegegeben haben. Man schenkt Bier, will die Stimme abkaufen, aber alle wissen Bescheid und man kann ja drüber lachen.

Jedoch gibt es bei Münte immer noch einen Hauch von einem vergangenen Zeitalter: Er wird regelrecht verehrt, bedingungslos, unironisch verehrt - sein Name wird skandiert. Er gehört noch zu diesem Schlag, der Politik machte "für den kleinen Mann", ist des "Arbeiters" bester Freund, kommt aus einer früheren Ära der Sozaildemokratie.

Und der wird immer noch von Menschen im meinem Alter hochgejubelt. Kann also noch funktionieren, die alte Paarung von Alpha-Tierchen und Bier. Vielleicht sollte er es mal mit der klugen Ironie lassen - obgleich ich die sehr schätze - und die Menschen doch einfach abfüllen wie die CSU. Schaden kann es nicht.

Und zumindest macht der Wahlkampf dann allen Spaß.

Danke an Kirian Scheuplein, Hamburgs beste Kamerafrau, für die freundliche Unterstützung.

Tuesday, 18 August 2009

Der Steuerberater

Die Wörter "der Steuerberater" haben schon eine eigene Kraft, irgendwie. Sie hören sich anders an als "der Busfahrer" oder "der Schullehrer", zum Beispiel. Menschen sagen "mein Steuerberater..." und verziehen dabei so ein bisschen das Gesicht. Oder sagen - und dies gilt oft aber nicht ausschließlich für Frauen - "mein Steuerberater..." in so einem Ton, dass es eher wie "mein Held..." daherkommt.

Kein Wunder, eigentlich. Denn der Steuerberater weiß so manches über einen, was selbst die Freunde oder die Geliebten nicht wissen. Beispielsweise: Wieviel man so richtig auf den Punkt genau verdient hat. Oder ob etwa der Auftrag, von dem man so gerne angegeben hat, der sei so wertvoll, überhaupt entlohnt wurde. Oder ob man seine Spesenzettel schön ordentlich zusammenheftet, wie es sich eben gehör; oder ob man vielmehr Ende April in voller Panik mit dem ganzen Krams in einer Supermarkt-Tüte zu ihm ins Büro läuft, klingelt, die Tüte stehen lässt und erstmal paar Wochen abtaucht.

Kurz gesagt: Für einen selbständigen, freiberuflichen Single mitte Zwanzig so wie ich, gibt es wohl sonst keinen, der so viel über einen weiß. Der Steuerberater spielt in der Liga mit Mutter, Mitbewohner und Putzfrau - und gewinnt locker.

Wohl darum habe ich so lange gewartet, bis ich einen engagiert habe. Ich bin eben eher der Einzelgänger und habe - trotz meiner Tätigkeit im Web 2.0 und der ständigen dortigen Verarbeitung meines Alltags - gerne meine Geheimnisse.

Doch wurde ich angesprochen (eher angeXingt) von einem netten Steuerberater hier im Viertel, der sich sehr viel mit der Besteuerung von Künstlern auseinandergesetzt hat und der einen sehr vertrauenswürdigen Eindruck macht.

Noch maßgeblicher in seiner Akquise bei mir durfte allerdings gewesen sein: sein Berufstolz. Auch er weiß, was für einen Klang das Wort "Steuerberater" hat. Besonders wirkungsvoll bei mir war folgender Spruch: "Ich komme aus einer steuerberatenden Familie".

Ich sehe es vorm inneren Aug'. Ein Kunde, ein - nennen wir ihn mal so - Herr Meyer kommt bei dem Vater (einem Steuerberater mit langjähriger Erfahrung) an und will sich beraten lassen. Im Büro sitzt der Alte mit Frau, zwei Kindern, Oma, Opa und der Katze. Die Kinder spielen am Boden mit einer Rechentafel und dem deutschen Finanzgesetzbuch. Die Oma strickt - einen Pulli mit "Vermerk: als Kleinunternehmer nach §19UStG von Umsatzsteuer befreit" auf der Brust geschrieben. Die Katze sonnt sich am Fensterbank und guckt gelegentlich so, als ob sie kurz noch paar Berechnungen im Kopf vornehmen würde.

"Ach so, bin ich zu früh für den Termin? Ich kann gerne kurz draußen warten."

"Nein, überhaupt nicht nötig. Wir sind nämlich eine steuerberatenden Familie. So, wer möchte loslegen? Na, Kinder, ihr habt euch die Akten angeschaut. Was würdet ihr dem Herrn Meyer denn raten?"

Wednesday, 12 August 2009

Unlernen

Wenn wir, die wir Sprachen studiert haben an der Uni, uns mal zusammentun, regen wir uns immer wieder darüber auf, dass so manches, was wir damals beigebracht bekommen haben, eigentlich nicht stimmt. Oder noch schlimmer: Das es eigentlich doch stimmt, aber das es eh nicht so gesagt wird. Oder noch schlimmer als selbst dies: Das das so stimmt, aber das der Einfluss des Englischen das wieder geändert hat.

Beispiel: Englischsprachige sagen gerne "Have a nice day" (okay, also eher die amerikanische Fraktion) oder "Have a nice time". Damit wollen wir auf Deutsch übersetzt sagen: "Ich wünsche dir einen schönen Tag" oder "ich wünsche dir viel Spaß". Die Imperativ-Form in dem Kontext ist im deutschen eher ungebräuchlich.

Denkste. Lernste auch so.

Dann sacht dir einer "Hab' 'nen netten Tag" oder "Hab' viel Spaß" und da drehste durch. Man tut sich jahrelang schwer, schön idiomatisches Deutsch wie ein Deutscher reden zu können - und hat jede Menge Spaß dran - und deine Mitsprechende aus beiden Sprachen machen's dir kaputt. Sehr geil.

Womit sich als Engländer sonst noch schwertut, ist das deutsche "S". Für uns immer /s/, für euch mal /z/ und mal /sch/ - also der Unterschied zwischen "sein" und "Stein". Aber nach jahrelanger Praxis geht es rein und ist dann noch gefestigt.

Und dann kommste nach Norddeutschland und hörst nicht mehr "Stein" sondern "Sstein". Naja, könnte man sogar als "ßtein" schriftlich wiedergeben. Das norddeutsche Spitzeness, eben. Nicht mehr Steinstraße sondern "ßsteinßtraße", nicht mehr Sternschanze sondern "ßternschanze". Stade heißt übrigens "ßtade" und wer dorthin eine Radtour von Hamburch aus durchs schöne Alte Land unternimmt und dann anschließend in der ßtadt sich Kaffee und Kuchen zur Stärkung genehmigen will, der isst Käsekuchen mit "ßmand" gemacht.

Tja, das Plattdeutsch liegt halt näher am Englischen daran als sein hochdeutscher Vetter.

Hätte mir man aber zumindest sagen können, als ich damals über die S-Läute immer wieder geßtolpert bin. Aber manches kriegt man eben erst vor Ort beigepult; auch darüber sind wir aus der sprachwissenschaftlichen Richtung immer wieder einig.

Tuesday, 4 August 2009

Mann zu, mann zu, lass auf'n Dom!

Hier in Hamburg ist Sommer-Dom.

Nein, das heißt nicht, dass man eine Kirche irgendwo zum Sommer errichtet. Denn das heißt wiederum MoGo - oder Motorrad-Gottesdienst. Nein, es geht um eine Kirmes, ein Volksfest, das größte im Norden, das dreimal im Jahr am Heiligengeistfeld stattfindet.

Und ich bin immer wieder für so einen Spaß zu haben. Fahrgeschäfte aller Art - solange sie mit Nervenkitzel versehen sind - und fast (fast) zu jedem Preis. In England bin ich teilweise ganze Tage aufs Land gefahren, um für so einen Vergnügungspark 50 € locker zu machen und den ganzen Tag im Regen in der Schlange zu stehen.

Denn so eine Kirmes in der Stadt gibt es nirgendwo in England. Was ich am Hamburger Dom, am Düsseldorfer Rheinkirmes, am Münsteraner Sent so schätze, ist diese Nähe zur Stadtmitte. Man geht eben hin, fährt paarmal, trinken ein schönes Bierchen und geht dann wieder nach Hause. Kein Großprojekt, das geplant werden will. Eben nur Fahrvergnügen und Bier auf die Schnelle.

Deutschland ist g e i l .

Und da muss jetzt eine Video-Folge von Lost in Deutschland zu dem Thema her. Denn es kostet eigentlich doch ziemlich viel, so ein kurzer Ausflug auf die Kirmes, und ich möchte das gerne mal als Journalist umsonst machen.

Außerdem ist es ein wirklicher kultureller Unterschied, über den man bei Lost in Deutschland halt eben berichten muss.

Muss.

Thursday, 30 July 2009

Jubiläum



Ganz beiläufig: Heute feiert Lost in Deutschland seinen 50. Eintrag als Video-Blog. Anfang Mai 2008 wurde zum ersten Mal gedreht, und seit August 2008 senden wir einmal die Woche unter http://www.lostindeutschland.de/ und auf http://www.derwesten.de/.


Spätestens in einigen Wochen, also, lasse ich die Korken knallen zum einjährigen Bestehen der Video-Version!


Tuesday, 28 July 2009

Deutsche Dienstwagenaffäre und bizarre Spesenabrechnung in Großbritannien

ZEIT-Online haben in Sachen Ulla Schmidt meines Erachtens recht, wenn sie schreiben:

"Ein richtiger handfester Skandal ist es nicht. Ein Verstoß gegen Vorschriften ist es auch nicht."

Zudem sei das Thema sicherlich ohnehin aufgeblasen worden, damit es das Sommerloch stopft. Bin ich auch der Meinung. Recht haben ZEIT-Online aber weiterhin, wenn sie dazuschreiben:

"Ein Problem ist es trotzdem. Ein Problem, sagen wir, der Verhältnismäßigkeit. Zehn Kilometer zu 2500 Kilometer. Darf man das? Man darf. Aber muss man das dann auch tun?"

Denn das ist es, was den Bürgern am ganzen aufstößt. Dass mit Erfolg ein Dienstwagen kommt - und dass man den auch mal privat benutzen darf - gilt gemeinhin als netter Nebeneffekt von Fleiß; das verübelt keinem irgendwer. Doch auffällig ist diese Unverhältnismäßigkeit, Regeln und Vorschriften hin oder her.

Immerhin könnte es schlimmer kommen. In Großbritannien haben Abgeordneten - stinknormale Abgeordneten, nicht mal Minister! - den Vorschriften gemäß Tausende Pfund Steuergelder ausgegeben, um ihre private Häuser rennovieren und schmücken zu lassen. Ein Konservativer gab beispielsweise £1.645 allein für ein Entenhäuschen für seinen Teich aus.

Ein E n t e n h ä u s c h e n , verdammt nochmal!

Das war alles erlaubt unter den alten Vorschriften.

Aber das wissen wir alle schon: Der Mensch hat immer wieder Probleme, wenn es um den Unterschied zwischen Können, Dürfen und Sollen geht. Der Mensch hat z. B. Atomwaffen bauen können (d. h.: wir haben es vermocht, wir waren dazu in der Lage); in einigen Ländern hat man das auch dürfen (sprich: es war rechtens in dem Land von der herrschenden Regierung wegen und keiner im Ausland konnte ein Verbot auflegen); aber hätte man wirklich Atomwaffen bauen sollen?

Es gibt einiges, was wir können; vieles, was wir dürfen: und nur ganz wenig, was wir sollten.

Friday, 17 July 2009

Nächster Halt: Unfall

Witzig, dass ich am 1. Juli auf die Pleite eines britischen Zugbetreiber eine kurze Polemik über Bahnprivatisierung verfasst habe.

Denn letztes Wochenende erlebte ich in Berlin schon das gemeinhin auf die Vorbereitung auf die Privatisation der Deutschen Bahn zurückgeführte S-Bahn-Verkehrschaos.

Ich kann die Worte der verkehrspolitischen Sprecherin der Berliner Grünen, Claudia Hämmerling nur bekräfitgen: "Aus England wissen wir, wie sich nach einer Bahnprivatisierung Mängel häufen. Die Deutsche Bahn zeigt uns, wie das schon vor der Privatisierung möglich ist" (Handelsblatt.com).

Wednesday, 8 July 2009

Pressespiegel Deutschland

Heute gibt es nur eine Geschichte über Deutschland in der ausländischen Presse: Und die ist eine Geschichte, die kaum Wellen geschlagen hat.

Denn hierzulande wird darüber auf Gedeih und Verderb an den normalen Stellen (Sprich: nicht auf der Eins, nicht auf der Home) als übliche Straftat berichtet. Und es wäre sicherlich falsch, die Geschichte zu überziehen.

Aber vielleicht sollte man die mal gelesen haben, wenn man vorhat, diese Woche in ein arabisches Land wie Ägypten in den Urlaub zu fahren...

Wednesday, 1 July 2009

Nächster Halt: Konkurs. Alle Passagiere bitte aussteigen.

Deutschland, Deutschland, Deutschland, mein Kleines. Wann wirst du es lernen? Das was die anderen Kinners tun, musst du nicht immer nachmachen.

Dieses Großbritannien, zum Beispiel. Du rennst ihm immer hinterher. Er liberalisiert seinen Finanzmarkt; das machst du auch. Er führt Studiengebühren ein; da musst du ihm folgen. Er privatisiert seine Kerninfrastruktur; du auch verkaufst dein Tafelsilber.

Dabei hat er nicht immer recht, dein Kumpel Großbritannien. Aber das lernst du irgendwie nie. Guck mal, was er mit einem liberalisierten Finanzmarkt im Schulhof angestellt hat. Und du wolltest mir doch vor paar Jahren erzählen, ich wäre zu alt, um es zu verstehen. Würde es doch super Spaß machen, mit seinem Taschengeld zu spielen. Und Großbritannien würde es eh super gut gehen. Keine Sorgen!

Und hatte ich dir auch nicht gesagt, wie wichtig das mit der Bahn ist? Man musst sie pflegen, sonst wird man krank. Aber du hast mir geantwortet: "Wenn Großbritannien sich um seine Bahn nicht kümmern muss, will ich es auch nicht müssen."

Jetzt guck mal, wie es Großbritannien geht: Die Bahn von London nach Edinburgh wird nicht mehr betrieben von demjenigen, der das übernommen hatte. Da muss Großbritannien mit seinem Taschengeld einspringen. Dabei kriegt er kein Taschengeld mehr, seitdem er das alles verzockt hat mit seinem Finanzmarktspielen auf dem Schulhof.

Deutschland, mein Kleines, mein Liebstes. Du hast immer so gute Bahnnoten gehabt. Kümmere dich weiter darum und lass dir nichts von den anderen Kindern vormachen von wegen, deine Bahn wäre nicht wichtig und du müsstest da nichts machen.

Tuesday, 23 June 2009

Lost in der Schweiz

"Das wirst du sehen, Brian: Die Schweiz ist Deutschland Grad 10."

Ich hatte gerade beim Ankommen am Zürcher Hauptbahnhof die Sauberkeit kommentiert. Dann sehe ich, wie die eine "S5" abfährt: Zürich, nicht einmal eine Millionenstadt und die hat schon 5, möglicherweise mehr, S-Bahnlinien.

"Ja. Wo es in Deutschland eine S-Bahn-Linie gibt, gibt es in der Schweiz zehn", sagt der Gastgeber.

Deutschland Grad 10, halt. Der Brite findet schon die Bundesrepublik sauber, pünktlich und verkehrstechnisch fortgeschritten; dann steht er im Zürcher Hauptbahnhof und fällt fast um.



An Deutschland findet der Brite übrigens auch die niedrige Kriminalität super. So nach dem Motto: Hier kann man noch einen Regenschirm liegen lassen und der ist zehn Minuten später noch da. Nun sagen das auch viele Deutsche von England - man hat ja Tendenz, solche glückliche Erfahrungen - gerade in einem Land, das man gut findet - überzubewerten.

Doch ist es wirklich laut amtlichen Statistiken so, dass Deutschland ein sichereres Land ist. Und im tagtäglichen Leben, ohne offiziellen Zahlen, merkt man es an diesen Vertrauenskisten in den deutschen Büros. Wer kennt sie nicht, die Holzkisten mit Schokolade und Kaugummi prall gefüllt? Die stehen in Teeküchen landesweit und werden so langsam geleert - gegen Entgelt, natürlich. Irgendwann mal steht eine neue Kiste da und die deutschen Büroangestellten werfen weiterhin Geld rein, auch wenn keiner zuguckt. Vorbildlich.

Würde man das in England versuchen, würde es gar nicht gehen. Ich bin mir da schon immer ziemlich sicher gewesen.

Doch was wohl auch in Deutschland nicht gehen würde - was wohl nur in der Schweiz funktionieren könnte - ist so eine Kiste auf der Straße!



Tuesday, 9 June 2009

Opel & Arcandor - ein desinteressierter Blick

Um es gleich vor weg zu sagen: Ich kenne keinen Mensch, der bei Opel oder Arcandor arbeitet oder dessen Arbeitsstelle von diesen Konzernen vorwiegend abhängig ist. In dem Fall würde ich die Dinge wohl anders sehen. Ditto wenn ich in Deutschland aufgewachsen wäre und diese große Namen Opel und Karstadt für mich zum Leben einfach dazugehören würden.

Denn von außen betrachtet ist einleuchtend, dass das, was wir hier mit dem Gerangel um Opel und nun Arcandor erleben, nichts außer reiner rückwärtsgewandten Flickschusterei darstellt.

Aber das will keiner hierzulande wahrhaben. Und die grundlegendsten Tatsachen in der Debatte werden eben nur selten bzw. gar nicht aufgeführt. Und die sind nun mal folgende:

1. Autos, wie wir die kennen - und wie sie Opel weiterhin bauen will -sind a) schlichtweg alte Technologie die b) seit Jahren im Übermaß produziert werden und die c) auch noch höchst umweltschädlich sind;

2. Arcandor als Konzern hat, wie Opel, auf Überholtes gesetzt: Urlaub wird nicht mehr über Thomas Cook oder sonstige Agenturen gebucht, denn wer einen Rechner mit Internet zu Haus hat, kann's besser selber; noch ein Opfer des Internets ist das Kaufhaus.

3. Als ob diese fehlende Einsicht und diese Verweigerung, sich mal zu überlegen, wie die Zukunft aussehen wird, kann und soll, nicht schlimm genug wären, haben Opel und Arcandor auch noch dazu Management-Fehler begangen. Deswegen stehen andere Untenehmen, die ebenfalls mit veralteten Technologien und Konzepten unterwegs sind, noch besser da. Noch.

4. Die Hauptargumentation, Arbeitsplätze werden durch die Rettung von Konzernen wie Opel und Karstadt gerettet, und dass das für die Volkswirtschaft weniger teuer ist als eine Pleite und 100.000 Arbeitslose, ist irreführend.

Klar, es werden jetzt auf kurze Sicht Jobs gerettet. Doch in zehn Jahren geht Opel eh pleite. Entweder gibt es bis dahin schon ein verkaufbares Elektro-Kraftfahrzeug, das bald zum weltweiten Schlager wird, oder wir in den Westen können uns keine Autos mehr leisten. Oder keinen Sprit. Egal: Läuft aufs selbe hinaus.

Bei Arcandor wäre das auch so eine Aktion. Jobs erstmal gerettet. Doch irgendwann mal alle arbeitslos weil dat Ding doch nicht weiterläuft und irgendwelche Milliardär aus Dubai das Geschäft aufkauft und "abwickelt".

Um das noch mal klarzustellen: Ich begrüße es nicht, dass Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren. Ich habe zwar einen guten Hochschulabschluss, aber mir fehlt es nicht an Solidarität mit Arbeitern und Handwerkern. Es ist genau aus dieser Solidarität, dass ich mir folgendes wünsche:

1. Einen Abbau der Überkapazitäten in der Autoindustrie sowie ein Umkrempeln von Einzelhandelkonzepten, die offensichtlich nicht zukunftsträchtig sind,

begleitet von:

2. Eine sofortige und massive Investition in Umbildung von den dadurch arbeitslos gewordenen Menschen, damit sie in zukunftsträchtigen, umweltfreundlichen Branchen tätig werden können - Ingenieure, Manager, Fließbandtechniker, Verkäuferinnen: alle werden in Branchen wie Solartechnik oder Windkraft zunehmend gefragt werden. Umso mehr, wenn auch in den Branchen kräftig investiert werden.

Das hört sich alles sehr teuer an. Aber es wird in zehn Jahren nur noch teurer kommen. Und womöglich ist uns bis dahin das Geld sowieso ausgegangen.

Es ist für den Mensch oftmals schwierig, sich von herkömmlichen Gegenständen und Angewohntheiten zu trennen. Doch nur indem er das wagt, kommt er weiter. Vor allem dann, wenn diese Gegenstände und Angewohntheiten ihm nichts mehr bringen.

Friday, 5 June 2009

Anglizismen kommen vor die Flinte. Aber buchstäblich!

Wurde heute auf:

www.babyshooting.de

aufmerksam gemacht.


Das ist noch so ein Fall, wo der Englisch-Muttersprachler nur staunen kann - wir reden von der Liga, in der sich der "Bodybag" (Leichensack) von Lidl, Lese 2006, befindet.


Denn im Englischen gibt "Babyshooting" so etwas wie "Amoklauf auf Kleinkinder". Und dabei könne man sich sogar mit der "Babyshooting card MAXI" gut 90 EUR sparen.

Hört bitte auf.

Thursday, 4 June 2009

Bitte im Sitzen pinkeln!



Ich wohne ja sehr gerne in Deutschland. Darum bin ich hier und schreibe dieses Blog.


Doch gibt es (ganz wenig) Momente, wo ich mich in England zurücksehne: Immer dann, zum Beispiel, wenn ich hierzulande einen schlecht gemischten Gintonic bekomme; oder dann, wenn ich höre, wie zwei Engländer sich auf schön schnuckeligen Londoner Dialekt unterhalten.


Oder dann, wenn ich darum gebeten werde, im Sitzen zu pinkeln. Das Thema gibt es auf der Insel schlichtweg nicht: Männer stehen über das Klobecken und pissen los. Gelegentlich machen sie nachher sauber. Fertig. Keine Gerede. Kein Rumdiskutieren. Kein "Ihr Männer seid ja sowieso alle Säue".


Hier sei das Im-Stehen-Pinkel aber "unhygienisch" - was natürlich die Frage hervorruft, ob englische Frauen dann öfter Blasenentzündungen haben als deutsche? Wenn ja, dann müsste ich in der Tat ein Fehlverhalten meinerseits einräumen und mich der deutschen Verhaltensweise im WC anpassen. Habe ich doch schon in einigen Anliegen gemacht, wo die Deutschen das offenbar besser machen: In Puncto Recycling, zum Beispiel; oder an der Ampel.


Aber blindes Vertrauen zolle ich keinem, auch nicht dem Deutschen, und habe also im entscheidenden Punkt in dieser Klo-Debatte eigenständig nachrecherchiert.

Tuesday, 26 May 2009

for Mens

Bei der Recherche zum Thema Brustbehaarung: Warum sich die deutschen Männer die Brust rasieren bin ich auf folgendes Denglisch-Prachtstück gestoßen: Kosmetik for Mens.

Ihr glaubt mir's nicht? Einfach mal bei der Website des fraglichen Kosmetik-Studios nachgucken - unten Links auf den Kacheln.

Mehr von mir zum Thema befindet sich übrigens auf dem Video-Blog.

Friday, 22 May 2009

"Ich besitze ein sehr, sehr großes Haus."

Online-Medien wie Guardian.co.uk sowie Telefonaten und E-Mails mit Freunden und Familie zufolge steckt mein Geburtsland in einer tiefen politischen Krise. Auch in den deutschen Medien sind die horrenden Spesenrechnungen der britischen Abgeordneten Thema: Denn der Ausmaß des Skandals im ruhmreichen, weltweit ältesten Parlament ist gewaltig.

Also brauche ich hier nicht sehr viel zu berichten: Der Kern der Sache sind die Zweitwohnungen, für die die Abgeordneten im britischen Unterhaus dubiose Spesenrechnungen eingereicht haben. Das System Zweitwohnung wurde aufgestellt, damit diejenigen "honorable members of Parlament", denen es nicht zumutbar waren, dass sie nach London immer pendeln, in der Hauptstadt hausen konnten.

Nun haben einige für sich den geilen Trick entdeckt, die Wohnungen zu "flippen" - sprich: Die Zweitwohnung in London zur Hauptwohnung zu machen und die Häuser in ihren Wahlkreisen dann als Zweitwohnung zu bezeichnen. Was den Vorteil hat, dass man schön sein Eigenheim sanieren, neu dekorieren oder einfach feinschleifen lassen darf auf Kosten des Steuerzahlers.

Und hier wird es im Detail recht lustig. Die Briten sind bekanntermaßen ein Volk, dass gerne in Immobilien investiert und dem 'das Haus ein Schloss' ist. An Englishman's home is his castle, eben. Nanu, es gibt ja Abgeordneten bei den Conservatives, für die der Spruch noch treffender ist als für den Normalbürger. Bei Douglas Hogg in der Grafschaft Lincolnshire beispielsweise trifft es 100%-ig zu: Der hat nämlich eine Spesenrechnung eingereicht über gut £2.000 für das Schlämmen vom Burggraben auf seinem Landbesitz mit Herrenhaus.

Noch so ein adliger Heimwerker, der es nicht lassen kann, ist der verehrenswerte Sir Peter Viggers: Nach schon stolzen £32.000 in drei Jahren für Gartenarbeit hat er einen drauf gesetzt - und damit den Gipfel des Wahnsinns erreicht. Für £1.645 hat er sich nämlich ein Entenhäuschen für seinen Teich maßfertigen lassen, damit die geflügelten Freunde sich vor Füchsen in modischer Umgebung schützen können. Schick, das Teil. So eins würde ich mir wünschen. Aber einen Teich brauchte ich erstmal.

Tja, ich bin ja wohl nur "neidisch". Das würde der ehrwürdige Sir Antony Steen behaupten: Denn er ließ gestern im Radio folgenden Spruch von sich los.

"Also, ich habe nichts Rechtswidriges getan - das ist das Schlimmste hier an dieser ganzen Spesenangelegenheit. Und wissen Sie, worum es sich eigentlich handelt dabei? Um Neid. Ich besitze nämlich ein sehr, sehr großes Haus. Einige ziehen schon den Vergleich zu Balmoral" (Anm.: Balmoral ist das Ferienschloss der Königen).

*Staun*

Als schlecht erzogener, neidischer Prolet, der asozialerweise dem britischen Adel ihre berechtigte Ehrfurcht nicht zollt, kann ich nur sagen: M e i n e F r e s s e !

Was ist das jetzt für ein krankes, immer noch im Mittelalter steckendes Land, das sich die Leibeigenschaft wieder herbeiwünscht?

Selbst der zu Guttenberg würde sich zu so einer Aussage nie trauen. Ach, Deutschland! Langweiliges, mit austauschbarem Präsident und Managerklasse statt mit famoser Königin und Adel ausgestattetes Deutschland!

Thursday, 21 May 2009

Über Feiertage

In Deutschland hat man deutlich mehr Feiertage als in England. In Bayern sind es etwa 13. Selbst im frommen Norden - in Hamburg hat man z. B. keinen Allerheiligen - kommt man auf 9. Auf der Insel gibt es hingegen gerade 8 gesetzliche Feiertage.

Und frecherweise werden die Engländer nochmal ausgetrickst, insofern als die Feiertage in Mai und August immer auf einen Montag festgelegt werden. Nix Brückungstag also, Und keiner merkt's! Keiner regt sich auf! So nach dem Motto: Was soll's?! Man muss ja malochen. Thatcher und Konkurrenzgesellschaft, halt.

Ne, das mit Feiertagen ist in Deutschland schon eine super Sache. Wir in den westlichen Ländern brauchen ja nicht länger zu arbeiten - gesteigerte Produktivität soll mal in Zeit, und nicht immer in Geld umgemünzt werden. Die Kollegen in München machen's vorbildlich.

Gerade jetzt in Mai versteht man den Begriff "Wonnemonat" so richtig: Alle haben pünktlich zum Sommer Auftakt viel Zeit und sind gut darauf. Erster Mai ein Donnerstag auf Freitag, Christihimmelfahrt sogar geilerweise von einem Mittwoch auf Donnerstag. Welcher Büro-Chef bittet dann seine Mitarbeiter am Freitag zum Schreibtische?

Doch eins ist in Deutschland genauso beschissen wie in England an den Feiertagen: Der Regen!

Tuesday, 19 May 2009

I love German beer

So manch einen deutschen Witz finde ich immer wieder erzählenswert:

Sitzen ein Dortmunder, ein Kölner und ein Düsseldorfer in der Kneipe. Der Dortmunder bestellt ein DAB, der Kölner ein Kölsch und der Düsseldorfer eine Cola. Fragen die beiden den Düsseldorfer: „Wieso trinkst du denn Cola?“ Antwortet der: „Wenn Ihr kein Bier trinkt, trinke ich auch keins!“

Im Artikel geht es nämlich um einem Laden, der in Düsseldorf aufgemacht hat, und nur Kölsch serviert. Jetzt will der Inhaber eine weitere Alt-Metropole erobern: Münster. Warum der Engländer das lustig findet? Weil die Brausen, die bei uns unter dem Namen "Bier" verkauft werden, alle eh in Holland oder Dänemark gebraut werden. Das sich hierzulande Städte darauf anzicken, finde ich immer wieder witzig.

Ein nicht uninteressantes Vermerkchen, wenn es um auf Bier bezogene Stadt-Rivalitäten in Deutschland geht: Diesen Witz habe ich schon vor Jahren gehört - allerdings war es der Kölner, der die Cola getrunken hat.

Und sicherlich gibt es im süddeutschen Raum so eines ähnliches bon mot in der Konstellation München, Nürnberg und Augsburg.

Bierland Deutschland. Und wenn der Engländer sagt, "der deutsche Humor" sei ein Widerspruch in sich, ist es wohl einfach so, das Witze über Herkunft und Bier sich gar nicht übersetzen lassen.

Thursday, 14 May 2009

Ich hab's euch doch gesagt!

Die Deutschen sind schizophren!

Ja, ich hab's gesagt. Ich habe ein ganzes Land als psychisch kranke abgetan. Ein Land, das ich mir übrigens als dauerhaften Wohnort ausgesucht habe.

Warum denn?

Also, Sätze wie: "Sorry, aber ich kann nur Wasser aus der Leitung anbieten?"

Oder: "Wie, du trinkst nur Leitungswasser? Hast du keins aus der Flasche für mich?"

Oder: "Leitungswasser? Nur Leitungswasser? Das gibt's doch nicht! Das hier ist schließlich ein Restaurant! Wir sind durchaus berechtigt, Sie dazu zu zwingen, einen zahlungspflichtigen Getränk zu sich zu nehmen".

Zugegebenermaßen habe ich letzten Satz noch nie gehört - nur ihn immer wieder der Bedienung an den Gesichtern abzulesen geglaubt.

Aber es ist doch klar, worauf ich hinaus will: Die Deutsche liebe zum Flaschenwasser. Die ist unsinnig. Die ist unbegründet. Und: Die ist höchst umweltschädlich!

Jahrelang habe ich Deutschland beobachtet, oft bewundert. Vor allem mochte ich immer als Umweltfreund die Dichte der öffentlichen Verkehrsmittel, die Ordnung der Städten, die ausgeklügelten Wiederverwertungsabläufe - Mülltrennung, Recyclinghöfe, Pfand.

Doch gerade bei Pfand stoßen wir auf diese Schizophrenie. Denn in Deutschland wird laut Spiegel-Online öfter zum Flaschenwasser gegriffen als in jedem anderen Land. Ich habe schon lange vermutet, dass die Deutschen im internationalen Vergleich wohl auffällig viel Trinkwasser aus der Flasche verzehren. Ich habe schon immer aus Prinzip um Leitungswasser gebeten -bei Freunden, in Restaurants. Aber nie habe ich vermutet, dass der deutsche Hang zu abgefülltem Wasser so ausgeprägt - und dermaßen umweltschädlich - ist. Genauer gesagt: tausendmal - ja, t a u s e n dmal - soviel Erdöl sei nötig, um einen Liter Flaschenwasser zum Endverbraucher zu bringen, um als denselben Liter als Leitungswasser zu befördern.

Warum die Deutschen so gerne abgefülltes Wasser trinken? Angeberei? So nach dem Motto: Ich kann mir's leisten. Nur asoziale Menschen trinken noch aus der Leitung. Menschen, die keinen Pfennig von ihrem Hartz-IV-Regelsatz übrig haben für Flaschenwasser, weil sie das ganze für Bier, Zigaretten und gesundheitsschädliche Nahrungsmittel bei Penny ausgegeben haben.

Anpassungswille? Typ: Ich sitze hier im Restaurant, will eigentlich nur eine geschmacksneutrale Begleitung zum Essen, aber will nicht als Geizhals auffallen. Will auch nicht, dass die Tischgesellen mich für einen Asozialen halten, der wohl sein letzten Pfennig für Bier bei Penny ausgegeben hat und nun auf Leitungswasser angewiesen ist.

Gesundheitsangst? Denn die gewaltige Nahrungsmittelindustrie hat wohl in letzter Zeit ziemlich viele Gerüchte verbreitet, Leitungswasser sei gesundheitsschädlich. Viele Freunde, die ich über ihr umweltilich tollkühnes Trinkhalten ausfrage, vertreten nämlich diese Meinung. Dabei gehört Wasser aus der Leitung zu den strengst kontrollierten Lebensmitteln, die es überhaupt gibt.

Und wir wohnen ja schließlich in Deutschland. Nicht irgendwo auf dem Dorf in Indien, wohin wir als Schulkinder immer Geld schicken mussten, damit sie ordentliche Wasserquellen anbohren konnten und nicht mehr an Fleckfieber sterben mussten.

Zum Glück greifen die Inder übrigens noch nicht in großem Stil zur Flasche. Denn bei über eine Milliarde, hätten wir dann ein riesiges Problem.

Und zum Glück schrumpft die deutsche Bevölkerung. Und es bleibt auch zu hoffen, dass in einer Finzanzkrise die Verbraucher noch genauer auf den Cent schauen und Flaschenwasser stehen lassen.

Und weniger Autofahren. Ach ja, die Deutschen und ihre Wagen. Noch so ein schizophrenisches deutsches Verhalten im Bezug auf die Umwelt...

Thursday, 7 May 2009

Lost im Bürgeramt

Im April noch erhielt ich ein Schreiben vom Landeswahlleiter der Freien und Hansestadt Hamburg. Ich möchte mich bitte ins Wählerverzeichnis eintragen lassen für die Europawahl am 7. Juni 2009.

Erster Gedanke: Europawahl?! Bin ich so schlecht informiert oder hat sich das nicht ganz schön an mich rangeschlichen?

Zweiter Gedanke: Super! Auch ich bin Deutschland und darf hier folgerichtig wählen.

Dritter Gedanke: So. Wie mache ich das dann?

"Stellen Sie bei Ihrem Bezirksamt bis spätestens 17. Mai 2009 einen Antrag auf Eintragung in das Wählerverzeichnis."

Alles klar. Mache ich.

Aber wie?

Wird nicht so genau im Schreiben erläutert. Was mache ich dann? Hmm. Naja, es geht zwar um Demokratie, aber ich laufe sofort zum gefährlichen Riesenkonzern Google und bin binnen Sekunden auf dem Antragsformular unter www.bundeswahlleiter.de.

"Nix einfacher", sage ich mir, "elektronische Demokratie halt". Ich folge die Anweisungen, das Formular auszudrücken und auszufüllen. Sekundensache.

Das Formular liegt nun vor mir, noch warm vom Drucker mit vor sich hin schmelzender Tinte darauf. Aber wo schicke ich das hin.

Auf der Webseite nichts. Auf dem Formular beim ersten Blick ebenfalls nichts. Nur im kleingedruckten oben steht "Bitte gesamten Vordruck an Gemeindebehörde senden".

Sehr schön. Kann ich machen. Aber wo, bitte schön, ist die Gemeindebehörde? Und wie lautet die genaue Adresse bzw. der Adressat? Angemeldet habe ich mich im Bürgeramt Eimsbüttel. Das vorliegende Schreiben stammt aber vom Landeswahlleiter am Johanniswall.

Hm.

Auf demselben Schreiben ist allerdings eine Telefonnummer. Da rufe ich kurz an: müsste dann relativ schnell zu klären sein. Vielleicht werde ich mich da sogar blamieren - die Adresse ist wohl auf irgendwelcher Rückseite oder in irgendwelcher Ecke, wo ich nicht geguckt habe.

"Ach so, ja, da müssen Sie sich dann in der Tat mit dem Bezirksamt Eimsbüttel in Verbindung setzen. Versuchen Sie mal unter folgender Nummer".

Sekundensache. Ich ruf nochmal an. Und lande sofort im Büro vom Wahlleiter in Eimsbüttel.

"Ja, da müssen Sie dann leider hier persönlich erscheinen."

Kann ich machen. Wann hätte das Bürgeramt denn geöffnet nochmal?"

"Hm. Das weiß ich nicht so genau. Wartensemal... Also heute von 12:00 bis 18:00, morgen gar nicht... (Sach mal, wann hamwa geöffnet nomma?) Montag 08:00 bis 15:00, Dienstag 07:00-14:00 und Mittwoch 08:00-14:00."

Ach so. Alles klar. Ganz schön... äh... übersichtlich, diese Öffenungszeiten.

"Hörense noch? Mein Chef hat grad gesagt, Sie brauchen gar nicht herkommen. Sie können sich onlein eintragen lassen auf www.bundeswahlleiter.de."

"Aber ich war schon da, um mir die Formulare herunterzuladen und dort steht geschrieben, ich müsse sie ausdrücken und ausfüllen."

"Nein, das könnense schon onlein machen."

Na, das wäre ja neu. Ich habe das wohl doch übersehen. Ich bedanke mich bei der Ansprechpartnerin und geh nochmal auf www.bundeswahlleiter.de gucken.

Zehn Minuten später sitze ich mal wieder vor dem ausgedruckten Formular.

Kacke.

Monday, 27 April 2009

Kakfa: relevanter denn je

Ich wollte nur kurz zwei Texte zum Vergleich stellen.

Einmal In der Strafkolonie, eine von Franz Kafka 1919 veröffentlichte Kurzgeschichte.

Einmal ein Text von der aktuellen ZEIT titels "Die Folterer laufen lassen".

Punkte, an der ich den Vergleich ziehen möchte: der Ort, das Geschehene, die Folgen.

Ort: Die Folter fand nicht auf US-Boden statt, sondern in sogenannten "black sites". Bei Kafka wird ebenfalls nicht im eigentlichen Staat gefoltert, sondern in einem dunklen Tal auf einer abgelegten Insel: in der Strafkolonie, eben.

Das Geschehene: Im ZEIT-Artikel ist die Rede von Folterern, die nicht eigenwillig handelten. Vielmehr hielten sie sich an "peniblen Vorschriften" und einem "Katalog der Grausamkeit", durch "Spitzenjuristen" erstellt. In In der Strafkolonie wird ebenfalls nach einem ausführlich, kühl beschriebenen Verfahren gefoltert.

Die Folgen: Jetzt ist in den USA die Frage, wie man mit den Folterern - und denjenigen, die die Folter gesetzlich "rechtfertigt" haben - umgeht. "Sollen sie ungeschoren davonkommen", fragt die ZEIT und beschreibt, wie Obama "Aufklärung und Amnestie in eins zu setzen" versucht. Dabei setzt er wohl noch auf Amnesie dazu: Die Folter und die Folterer sollen in Vergessenheit geraten. Denn so spart man sich langwierige und image-schädliche Prozesse sowie eine schwierige gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem gewaltigen Tabubruch.

In In der Strafkolonie geht es schließlich darum, wie die Folter vergessen wird. Aus der Mode geraten, werden die "Verfahren", die die Kriminellen zu einer Art "Erkenntnis" bringen sollten, nicht mehr angewandt.

Kein Folterer wird dabei angeklagt; viel schlimmer, sie werden ignoriert.

Friday, 24 April 2009

Unrealistische Tiere

"Das Leben ist ja kein Ponyhof!" sagt der Deutsche, wenn sich eine Aufgabe oder ein Zeitraum schwierig gestaltet.

"It's a dog's life" sagt der Englischsprachige, wenn er nur noch malochen darf.

Für mich sind beide Analogien fälschlich gezogen. Denn das Leben auf ein Ponyhof - was dem Spruch nach etwas Idyllisches, Bukolisches an sich haben soll - stelle ich mir doch schwierig vor.

Als Pony geht es dir beschissen. Nichts mit weiter Freiheit und einem frischen Mooreswind, der durch seine Prachtmähne weht. Nein: Du wohnst auf 2,5 Quadratmeter und kommst nur raus, um von heulenden, verwöhntem Gör geritten zu werden.

Und als Mensch, der auf einem Ponyhof arbeitet (die andere mögliche Ableitung des Spruches) geht es dir noch beschissener. Buchstäblich. Denn deine Aufgabe besteht darin, Pferdeäpfel zu schaufeln. Und gelegentlich Kinderkotze: Zur Abwechslung, halt.

Das Leben als Hund. Das ist nun doch eine geile Sache! Wenn du mal mußt, lässt dich dein Halter raus und du machst es im Freien. Die Bude stinkt nachher gar nicht danach. Und Kinder dürfen dich nicht missbrauchen, indem sie sich auf dich setzen und "Schneller! Schneller!" schreien.

Nein, Kinder sind sogar total lieb zu dir. Die schmuggeln dir leckere Häppchen vom Esstisch runter, zum Beispiel. Oder streicheln dich und machen killekille an deinen Ohren.

Und zu fressen kriegst du regelmäßig, ohne dass du überhaupt arbeiten musst.

Also würde ich viel lieber ein dog's life haben, als auf einem Ponyhof leben.

Thursday, 23 April 2009

Zur Ehre des Tages

Heute ist, habe ich über Bekannten erfahren, der Tag des deutschen Bieres.

Es ist also die perfekte Gelegenheit, sich an einen sehr schönen Lost-in-Deutschland-Video-Beitrag zum Thema Bier zu erinnern.

Den Beitrag haben wir im letzten August gefilmt. Ich war frisch aus einem kurzen England-Urlaub zurück in Düsseldorf und eins hatte mir in der vorigen Woche auf der Insel sehr gefeht: Gutes Bier.

Da war ich also sehr froh, als ich auf den von mir vor dem Urlaub erstellten Produktionsplan schaute: Dreh bei der D.A.B. Dortmund.

Das war wettermäßig ein komischer Tag. Warm genug, dass wir geschwitzt haben, dabei gab es aber auch Regen, Wind und - glaubte ich einmal zu sehen - Hagel. Am Morgen auf dem Wochenmarkt schien die Sonne noch; gen Mittag wechselte Petrus die Seite und blaste auf uns runter, wie man in der Ampel-Folge um die 3:30-Marke trotz gutem Schnitt eindeutig hört; und zur abendlichen Bier-Folge ließ er es wirklich krachen.

Der Plan war nämlich der gewesen, fast die ganzen Moderationen vor der Brauerei zu machen. Dann hatten wir vor, die Bilderstrecke drinne zu drehen und die Abmoderation mit einer Bier in der Hand. Und danach sich in aller Ruhe noch ein Bier oder fünf genehmigen.

Doch regnete es vor dem Drehtermin in der Brauerei in Strömen, so dass ich da draußen gar nicht moderieren konnte. Nichts anderes blieb uns übrig, als die Dinger anders zu machen und die Moderationen erst nach den Bilderstrecken zu drehen. Soll machbar sein.

In der Brauerei herrschte erstmal herrliches, ja sogar tropisches Wetter. Damit die Hefe im Bier noch wirkt, wird die ganze Anlage nämlich auf locker 25 Grad geheizt. Ins Schwitzen gerieten wir sehr schnell, vor allem dann, als wir zum Kessel die Treppe rauf mussten. Erst vor dem Kessel im 3. - gefühlt 30. - Stockwerk fiel es meinem Kameramann ein, die Akku müsste gewechselt werden. Er könne aber nicht von der Kamera weg, weil die Bilder gerade so schön seien.

10 Minuten später und einige Kilos leichter trete ich, verschwitzt, vor dem Kessel auf (2:19). Zum Glück merkt man's mir nicht an.

Was man mir aber doch anmerken wird: Nach diesem horrenden Flüssigkeitsverlust hatten wir natürlich Durst. Wir waren ja natürlich auch in einer Brauerei. Es wurde uns seitens der Verwaltung Bier angeboten. Wie will man da bitte nein sagen? Zumal wir das leckere Gebräu frisch gezapft im ehemaligen Unionshaus der D.A.B. nippen durften: Das Gebäude wurde 1912 fertiggestellt und ist das älteste noch erhaltene Gebäude ihrer Art.

So ein Saal - mit Kupferkesseln und Mosaiken an der Wand - bot sich natürlich für die geplante Abmoderation mit einem Bier in der Hand an (ab 2:54). Vor der Moderation allerdings mussten wir schonmal einen mit den D.A.B. Empfangsteam saufen.

Dann geht noch einer um 3:15 vor der Kamera runter.

Dann konnten wir natürlich nicht wech, ohne ein drittes Stößchen getrunken zu haben. Wäre sonst unhöflich gewesen. Und meinen journalistischen Ansprüchen, die Objekte meiner Berichterstattung gründlichst zu untersuchen, nicht gerecht.

So befanden wir uns kurz vor 18:00 draußen vor der Brauerei, leicht genebelt, und noch mit der An- und Zwischenmoderation bevor uns.

Und so kommt es zum leichten Versprecher um 0:37, wo ich nicht "Weg" als Substantiv sondern "weg" als verbales Präfix (sprich: "wech") über die Lippen bringe.

Gehört sich aber doch wohl so, wo die Folge ums Thema Alkohol geht.

Monday, 20 April 2009

Frage zum Artikel Nr. ...

Nach einer langen Betriebspause ist Lost in Deutschland wieder in Schrift und nicht mehr nur in Wort unterwegs. Und zwar mit einer ganz einfache Frage. Denn sie lässt sich nur schlecht als Video-Thema aufbereiten, und von daher, halt.

Die Frage geht Zahlungsgewohnheiten im Internet an.

In Großbritannien funktionieren Webseiten wie Amazon, E-Bay und sämtlich Online-Shops über Kreditkarten, Lastschriftkarten und PayPal: Sprich, über automatische Zahlungsmittel. In Deutschland hingegen zahlt man gerne per aufwendige, mühsame Überweisung, höchstens durch ein Lastschriftverfahren.

Warum?

Die einleuchtende Erklärung: Die Briten wurden in den letzten zwanzig Jahren zu den Amerikanern von Europa, die unbekümmert Kredite aufnahmen und alles kauften, was sie wollten, ohne sich dabei Gedanken zu machen, ob sie eigentlich die Kohle dafür haben.

Zu der Einstellung passen dann automatisierte Zahlungsverfahren wie PayPal, wo das Geld schnell vom Konto abgebucht wird, ohne dass man irgendetwas betätigen muss. Und vielmehr: Ohne dass man die Zeit hat, irgendetwas zu bereuen. Nein: Man erledigt den Kauf auf die schnelle und verdrängt ihn dann. Die etwa bei E-Bay (wohl zu groß geratene) zu zahlende Summe muss man sich zwar einmal anschauen, aber sich bei seiner Online-Bank einloggen und die Ziffern eintippen oder so was muss man nicht. Am Allerwichtigsten: Seinen (wohl angeschlagenen) Kontostand muss man dabei nicht sehen.

Im kreditscheuen, von Zusatzversicherungen und Sparkontos dominierten Deutschland wiederum geht so was natürlich überhaupt nicht. Dem Käufer muss jederzeit vergegenwärtigt werden, dass er Geld ausgibt und sich und seine Angehörigen so womöglich in den finanziellen Abgrund stürzt.

Bei E-Bay z. B. muss er erstmal ängstlich zuschauen, wie sich sein Schnäppchen-Hemd für 1,39 EUR über Tage in eine Monster-Anschaffung in Kostenhöhe von 10,78 EUR ausartet. Dann muss er diese horrende Rechnung begleichen. Das heißt: Sich bei der Bank online einloggen oder - wenn er sich für seinen verantwortungsloses Kauf-Verhalten nicht allzu sehr schämt - sogar persönlich melden und eine Überweisung über 10,78 EUR betätigen. Das heißt wiederum "1", "0", ",", "7", "8", "EURO" s c h r e i b e n . Und wie ich beim Vokabellernen in meinem Sprachwissenschaftsstudium schnell merkte: Durch das Schreiben verinnerlicht man Sachen viel schneller, als durchs Anschauen alleine.

Das wusste auch Kafka, als er in "In der Strafkolonie" den Verurteilten ihre Sünden in den Leib einschreiben bzw. einschneiden ließ.

Spiegeln also die online Zahlungsgewohnheiten - nein, nennen wir das Ding beim Namen: Zahlungssitten - von den hochverschuldeten britischen und den eher sorgfältigen, solventen deutschen Konsumenten ihrem entgegensetzten finanziellen Verhalten wieder?

Oder hat sich PayPal einfach in Deutschland nicht gut genug vermarktet?