"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Monday, 20 April 2009

Frage zum Artikel Nr. ...

Nach einer langen Betriebspause ist Lost in Deutschland wieder in Schrift und nicht mehr nur in Wort unterwegs. Und zwar mit einer ganz einfache Frage. Denn sie lässt sich nur schlecht als Video-Thema aufbereiten, und von daher, halt.

Die Frage geht Zahlungsgewohnheiten im Internet an.

In Großbritannien funktionieren Webseiten wie Amazon, E-Bay und sämtlich Online-Shops über Kreditkarten, Lastschriftkarten und PayPal: Sprich, über automatische Zahlungsmittel. In Deutschland hingegen zahlt man gerne per aufwendige, mühsame Überweisung, höchstens durch ein Lastschriftverfahren.

Warum?

Die einleuchtende Erklärung: Die Briten wurden in den letzten zwanzig Jahren zu den Amerikanern von Europa, die unbekümmert Kredite aufnahmen und alles kauften, was sie wollten, ohne sich dabei Gedanken zu machen, ob sie eigentlich die Kohle dafür haben.

Zu der Einstellung passen dann automatisierte Zahlungsverfahren wie PayPal, wo das Geld schnell vom Konto abgebucht wird, ohne dass man irgendetwas betätigen muss. Und vielmehr: Ohne dass man die Zeit hat, irgendetwas zu bereuen. Nein: Man erledigt den Kauf auf die schnelle und verdrängt ihn dann. Die etwa bei E-Bay (wohl zu groß geratene) zu zahlende Summe muss man sich zwar einmal anschauen, aber sich bei seiner Online-Bank einloggen und die Ziffern eintippen oder so was muss man nicht. Am Allerwichtigsten: Seinen (wohl angeschlagenen) Kontostand muss man dabei nicht sehen.

Im kreditscheuen, von Zusatzversicherungen und Sparkontos dominierten Deutschland wiederum geht so was natürlich überhaupt nicht. Dem Käufer muss jederzeit vergegenwärtigt werden, dass er Geld ausgibt und sich und seine Angehörigen so womöglich in den finanziellen Abgrund stürzt.

Bei E-Bay z. B. muss er erstmal ängstlich zuschauen, wie sich sein Schnäppchen-Hemd für 1,39 EUR über Tage in eine Monster-Anschaffung in Kostenhöhe von 10,78 EUR ausartet. Dann muss er diese horrende Rechnung begleichen. Das heißt: Sich bei der Bank online einloggen oder - wenn er sich für seinen verantwortungsloses Kauf-Verhalten nicht allzu sehr schämt - sogar persönlich melden und eine Überweisung über 10,78 EUR betätigen. Das heißt wiederum "1", "0", ",", "7", "8", "EURO" s c h r e i b e n . Und wie ich beim Vokabellernen in meinem Sprachwissenschaftsstudium schnell merkte: Durch das Schreiben verinnerlicht man Sachen viel schneller, als durchs Anschauen alleine.

Das wusste auch Kafka, als er in "In der Strafkolonie" den Verurteilten ihre Sünden in den Leib einschreiben bzw. einschneiden ließ.

Spiegeln also die online Zahlungsgewohnheiten - nein, nennen wir das Ding beim Namen: Zahlungssitten - von den hochverschuldeten britischen und den eher sorgfältigen, solventen deutschen Konsumenten ihrem entgegensetzten finanziellen Verhalten wieder?

Oder hat sich PayPal einfach in Deutschland nicht gut genug vermarktet?

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