"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Friday, 22 May 2009

"Ich besitze ein sehr, sehr großes Haus."

Online-Medien wie Guardian.co.uk sowie Telefonaten und E-Mails mit Freunden und Familie zufolge steckt mein Geburtsland in einer tiefen politischen Krise. Auch in den deutschen Medien sind die horrenden Spesenrechnungen der britischen Abgeordneten Thema: Denn der Ausmaß des Skandals im ruhmreichen, weltweit ältesten Parlament ist gewaltig.

Also brauche ich hier nicht sehr viel zu berichten: Der Kern der Sache sind die Zweitwohnungen, für die die Abgeordneten im britischen Unterhaus dubiose Spesenrechnungen eingereicht haben. Das System Zweitwohnung wurde aufgestellt, damit diejenigen "honorable members of Parlament", denen es nicht zumutbar waren, dass sie nach London immer pendeln, in der Hauptstadt hausen konnten.

Nun haben einige für sich den geilen Trick entdeckt, die Wohnungen zu "flippen" - sprich: Die Zweitwohnung in London zur Hauptwohnung zu machen und die Häuser in ihren Wahlkreisen dann als Zweitwohnung zu bezeichnen. Was den Vorteil hat, dass man schön sein Eigenheim sanieren, neu dekorieren oder einfach feinschleifen lassen darf auf Kosten des Steuerzahlers.

Und hier wird es im Detail recht lustig. Die Briten sind bekanntermaßen ein Volk, dass gerne in Immobilien investiert und dem 'das Haus ein Schloss' ist. An Englishman's home is his castle, eben. Nanu, es gibt ja Abgeordneten bei den Conservatives, für die der Spruch noch treffender ist als für den Normalbürger. Bei Douglas Hogg in der Grafschaft Lincolnshire beispielsweise trifft es 100%-ig zu: Der hat nämlich eine Spesenrechnung eingereicht über gut £2.000 für das Schlämmen vom Burggraben auf seinem Landbesitz mit Herrenhaus.

Noch so ein adliger Heimwerker, der es nicht lassen kann, ist der verehrenswerte Sir Peter Viggers: Nach schon stolzen £32.000 in drei Jahren für Gartenarbeit hat er einen drauf gesetzt - und damit den Gipfel des Wahnsinns erreicht. Für £1.645 hat er sich nämlich ein Entenhäuschen für seinen Teich maßfertigen lassen, damit die geflügelten Freunde sich vor Füchsen in modischer Umgebung schützen können. Schick, das Teil. So eins würde ich mir wünschen. Aber einen Teich brauchte ich erstmal.

Tja, ich bin ja wohl nur "neidisch". Das würde der ehrwürdige Sir Antony Steen behaupten: Denn er ließ gestern im Radio folgenden Spruch von sich los.

"Also, ich habe nichts Rechtswidriges getan - das ist das Schlimmste hier an dieser ganzen Spesenangelegenheit. Und wissen Sie, worum es sich eigentlich handelt dabei? Um Neid. Ich besitze nämlich ein sehr, sehr großes Haus. Einige ziehen schon den Vergleich zu Balmoral" (Anm.: Balmoral ist das Ferienschloss der Königen).

*Staun*

Als schlecht erzogener, neidischer Prolet, der asozialerweise dem britischen Adel ihre berechtigte Ehrfurcht nicht zollt, kann ich nur sagen: M e i n e F r e s s e !

Was ist das jetzt für ein krankes, immer noch im Mittelalter steckendes Land, das sich die Leibeigenschaft wieder herbeiwünscht?

Selbst der zu Guttenberg würde sich zu so einer Aussage nie trauen. Ach, Deutschland! Langweiliges, mit austauschbarem Präsident und Managerklasse statt mit famoser Königin und Adel ausgestattetes Deutschland!

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