"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Thursday, 14 May 2009

Ich hab's euch doch gesagt!

Die Deutschen sind schizophren!

Ja, ich hab's gesagt. Ich habe ein ganzes Land als psychisch kranke abgetan. Ein Land, das ich mir übrigens als dauerhaften Wohnort ausgesucht habe.

Warum denn?

Also, Sätze wie: "Sorry, aber ich kann nur Wasser aus der Leitung anbieten?"

Oder: "Wie, du trinkst nur Leitungswasser? Hast du keins aus der Flasche für mich?"

Oder: "Leitungswasser? Nur Leitungswasser? Das gibt's doch nicht! Das hier ist schließlich ein Restaurant! Wir sind durchaus berechtigt, Sie dazu zu zwingen, einen zahlungspflichtigen Getränk zu sich zu nehmen".

Zugegebenermaßen habe ich letzten Satz noch nie gehört - nur ihn immer wieder der Bedienung an den Gesichtern abzulesen geglaubt.

Aber es ist doch klar, worauf ich hinaus will: Die Deutsche liebe zum Flaschenwasser. Die ist unsinnig. Die ist unbegründet. Und: Die ist höchst umweltschädlich!

Jahrelang habe ich Deutschland beobachtet, oft bewundert. Vor allem mochte ich immer als Umweltfreund die Dichte der öffentlichen Verkehrsmittel, die Ordnung der Städten, die ausgeklügelten Wiederverwertungsabläufe - Mülltrennung, Recyclinghöfe, Pfand.

Doch gerade bei Pfand stoßen wir auf diese Schizophrenie. Denn in Deutschland wird laut Spiegel-Online öfter zum Flaschenwasser gegriffen als in jedem anderen Land. Ich habe schon lange vermutet, dass die Deutschen im internationalen Vergleich wohl auffällig viel Trinkwasser aus der Flasche verzehren. Ich habe schon immer aus Prinzip um Leitungswasser gebeten -bei Freunden, in Restaurants. Aber nie habe ich vermutet, dass der deutsche Hang zu abgefülltem Wasser so ausgeprägt - und dermaßen umweltschädlich - ist. Genauer gesagt: tausendmal - ja, t a u s e n dmal - soviel Erdöl sei nötig, um einen Liter Flaschenwasser zum Endverbraucher zu bringen, um als denselben Liter als Leitungswasser zu befördern.

Warum die Deutschen so gerne abgefülltes Wasser trinken? Angeberei? So nach dem Motto: Ich kann mir's leisten. Nur asoziale Menschen trinken noch aus der Leitung. Menschen, die keinen Pfennig von ihrem Hartz-IV-Regelsatz übrig haben für Flaschenwasser, weil sie das ganze für Bier, Zigaretten und gesundheitsschädliche Nahrungsmittel bei Penny ausgegeben haben.

Anpassungswille? Typ: Ich sitze hier im Restaurant, will eigentlich nur eine geschmacksneutrale Begleitung zum Essen, aber will nicht als Geizhals auffallen. Will auch nicht, dass die Tischgesellen mich für einen Asozialen halten, der wohl sein letzten Pfennig für Bier bei Penny ausgegeben hat und nun auf Leitungswasser angewiesen ist.

Gesundheitsangst? Denn die gewaltige Nahrungsmittelindustrie hat wohl in letzter Zeit ziemlich viele Gerüchte verbreitet, Leitungswasser sei gesundheitsschädlich. Viele Freunde, die ich über ihr umweltilich tollkühnes Trinkhalten ausfrage, vertreten nämlich diese Meinung. Dabei gehört Wasser aus der Leitung zu den strengst kontrollierten Lebensmitteln, die es überhaupt gibt.

Und wir wohnen ja schließlich in Deutschland. Nicht irgendwo auf dem Dorf in Indien, wohin wir als Schulkinder immer Geld schicken mussten, damit sie ordentliche Wasserquellen anbohren konnten und nicht mehr an Fleckfieber sterben mussten.

Zum Glück greifen die Inder übrigens noch nicht in großem Stil zur Flasche. Denn bei über eine Milliarde, hätten wir dann ein riesiges Problem.

Und zum Glück schrumpft die deutsche Bevölkerung. Und es bleibt auch zu hoffen, dass in einer Finzanzkrise die Verbraucher noch genauer auf den Cent schauen und Flaschenwasser stehen lassen.

Und weniger Autofahren. Ach ja, die Deutschen und ihre Wagen. Noch so ein schizophrenisches deutsches Verhalten im Bezug auf die Umwelt...

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