"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Tuesday, 9 June 2009

Opel & Arcandor - ein desinteressierter Blick

Um es gleich vor weg zu sagen: Ich kenne keinen Mensch, der bei Opel oder Arcandor arbeitet oder dessen Arbeitsstelle von diesen Konzernen vorwiegend abhängig ist. In dem Fall würde ich die Dinge wohl anders sehen. Ditto wenn ich in Deutschland aufgewachsen wäre und diese große Namen Opel und Karstadt für mich zum Leben einfach dazugehören würden.

Denn von außen betrachtet ist einleuchtend, dass das, was wir hier mit dem Gerangel um Opel und nun Arcandor erleben, nichts außer reiner rückwärtsgewandten Flickschusterei darstellt.

Aber das will keiner hierzulande wahrhaben. Und die grundlegendsten Tatsachen in der Debatte werden eben nur selten bzw. gar nicht aufgeführt. Und die sind nun mal folgende:

1. Autos, wie wir die kennen - und wie sie Opel weiterhin bauen will -sind a) schlichtweg alte Technologie die b) seit Jahren im Übermaß produziert werden und die c) auch noch höchst umweltschädlich sind;

2. Arcandor als Konzern hat, wie Opel, auf Überholtes gesetzt: Urlaub wird nicht mehr über Thomas Cook oder sonstige Agenturen gebucht, denn wer einen Rechner mit Internet zu Haus hat, kann's besser selber; noch ein Opfer des Internets ist das Kaufhaus.

3. Als ob diese fehlende Einsicht und diese Verweigerung, sich mal zu überlegen, wie die Zukunft aussehen wird, kann und soll, nicht schlimm genug wären, haben Opel und Arcandor auch noch dazu Management-Fehler begangen. Deswegen stehen andere Untenehmen, die ebenfalls mit veralteten Technologien und Konzepten unterwegs sind, noch besser da. Noch.

4. Die Hauptargumentation, Arbeitsplätze werden durch die Rettung von Konzernen wie Opel und Karstadt gerettet, und dass das für die Volkswirtschaft weniger teuer ist als eine Pleite und 100.000 Arbeitslose, ist irreführend.

Klar, es werden jetzt auf kurze Sicht Jobs gerettet. Doch in zehn Jahren geht Opel eh pleite. Entweder gibt es bis dahin schon ein verkaufbares Elektro-Kraftfahrzeug, das bald zum weltweiten Schlager wird, oder wir in den Westen können uns keine Autos mehr leisten. Oder keinen Sprit. Egal: Läuft aufs selbe hinaus.

Bei Arcandor wäre das auch so eine Aktion. Jobs erstmal gerettet. Doch irgendwann mal alle arbeitslos weil dat Ding doch nicht weiterläuft und irgendwelche Milliardär aus Dubai das Geschäft aufkauft und "abwickelt".

Um das noch mal klarzustellen: Ich begrüße es nicht, dass Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren. Ich habe zwar einen guten Hochschulabschluss, aber mir fehlt es nicht an Solidarität mit Arbeitern und Handwerkern. Es ist genau aus dieser Solidarität, dass ich mir folgendes wünsche:

1. Einen Abbau der Überkapazitäten in der Autoindustrie sowie ein Umkrempeln von Einzelhandelkonzepten, die offensichtlich nicht zukunftsträchtig sind,

begleitet von:

2. Eine sofortige und massive Investition in Umbildung von den dadurch arbeitslos gewordenen Menschen, damit sie in zukunftsträchtigen, umweltfreundlichen Branchen tätig werden können - Ingenieure, Manager, Fließbandtechniker, Verkäuferinnen: alle werden in Branchen wie Solartechnik oder Windkraft zunehmend gefragt werden. Umso mehr, wenn auch in den Branchen kräftig investiert werden.

Das hört sich alles sehr teuer an. Aber es wird in zehn Jahren nur noch teurer kommen. Und womöglich ist uns bis dahin das Geld sowieso ausgegangen.

Es ist für den Mensch oftmals schwierig, sich von herkömmlichen Gegenständen und Angewohntheiten zu trennen. Doch nur indem er das wagt, kommt er weiter. Vor allem dann, wenn diese Gegenstände und Angewohntheiten ihm nichts mehr bringen.

3 comments:

DaSch said...

Also ich seh einen ganz einfach Grund wieso wir es tun sollten.

Wenn wir das Kapital bei uns vernichten werden andere aus dem Ausland mit Kapital kommen. Jeder Euro den wir nicht für unsere Volkswirtschaft ausgeben, sind 50 Cent Gewinn für die Volkswirtschaft eines anderen Landes.

Ich glaub an dieser Stelle ist, auch wenn es etwas veraltet erscheinen mag, etwas Nationalismus, oder Europäismus gefragt. Wir müssen um unsere Wirtschaft kämpfen, was einmal weg ist kommt nicht so schnell zurück.

Matt said...

Ich sehe das etwas anders. Auch ich bin mit Karstadt, mit Opel weniger, aufgewachsen, möchte aber wirklich in keinster Weise um derart mies aufgestellte Konzerne kämpfen, wenn dies nichtmal die Eigentümer tun wollen. Da muss man dann doch den Schnitt machen und lieber die besser aufgestellte Konkurrenz unterstützen, damit bei denen neue Stellen geschaffen werden können, die einige der Arbeitsplätze auffangen und vor allem langfristig sichern.

Brian said...

Ja, für mich ist das Stichwort "langfristig". Hier scheint kein Mensch - weder in der Politik noch in den Konzernen - sich darum zu kümmern, wie die Welt in 10 oder 20 Jahren aussieht.