"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Tuesday, 18 August 2009

Der Steuerberater

Die Wörter "der Steuerberater" haben schon eine eigene Kraft, irgendwie. Sie hören sich anders an als "der Busfahrer" oder "der Schullehrer", zum Beispiel. Menschen sagen "mein Steuerberater..." und verziehen dabei so ein bisschen das Gesicht. Oder sagen - und dies gilt oft aber nicht ausschließlich für Frauen - "mein Steuerberater..." in so einem Ton, dass es eher wie "mein Held..." daherkommt.

Kein Wunder, eigentlich. Denn der Steuerberater weiß so manches über einen, was selbst die Freunde oder die Geliebten nicht wissen. Beispielsweise: Wieviel man so richtig auf den Punkt genau verdient hat. Oder ob etwa der Auftrag, von dem man so gerne angegeben hat, der sei so wertvoll, überhaupt entlohnt wurde. Oder ob man seine Spesenzettel schön ordentlich zusammenheftet, wie es sich eben gehör; oder ob man vielmehr Ende April in voller Panik mit dem ganzen Krams in einer Supermarkt-Tüte zu ihm ins Büro läuft, klingelt, die Tüte stehen lässt und erstmal paar Wochen abtaucht.

Kurz gesagt: Für einen selbständigen, freiberuflichen Single mitte Zwanzig so wie ich, gibt es wohl sonst keinen, der so viel über einen weiß. Der Steuerberater spielt in der Liga mit Mutter, Mitbewohner und Putzfrau - und gewinnt locker.

Wohl darum habe ich so lange gewartet, bis ich einen engagiert habe. Ich bin eben eher der Einzelgänger und habe - trotz meiner Tätigkeit im Web 2.0 und der ständigen dortigen Verarbeitung meines Alltags - gerne meine Geheimnisse.

Doch wurde ich angesprochen (eher angeXingt) von einem netten Steuerberater hier im Viertel, der sich sehr viel mit der Besteuerung von Künstlern auseinandergesetzt hat und der einen sehr vertrauenswürdigen Eindruck macht.

Noch maßgeblicher in seiner Akquise bei mir durfte allerdings gewesen sein: sein Berufstolz. Auch er weiß, was für einen Klang das Wort "Steuerberater" hat. Besonders wirkungsvoll bei mir war folgender Spruch: "Ich komme aus einer steuerberatenden Familie".

Ich sehe es vorm inneren Aug'. Ein Kunde, ein - nennen wir ihn mal so - Herr Meyer kommt bei dem Vater (einem Steuerberater mit langjähriger Erfahrung) an und will sich beraten lassen. Im Büro sitzt der Alte mit Frau, zwei Kindern, Oma, Opa und der Katze. Die Kinder spielen am Boden mit einer Rechentafel und dem deutschen Finanzgesetzbuch. Die Oma strickt - einen Pulli mit "Vermerk: als Kleinunternehmer nach §19UStG von Umsatzsteuer befreit" auf der Brust geschrieben. Die Katze sonnt sich am Fensterbank und guckt gelegentlich so, als ob sie kurz noch paar Berechnungen im Kopf vornehmen würde.

"Ach so, bin ich zu früh für den Termin? Ich kann gerne kurz draußen warten."

"Nein, überhaupt nicht nötig. Wir sind nämlich eine steuerberatenden Familie. So, wer möchte loslegen? Na, Kinder, ihr habt euch die Akten angeschaut. Was würdet ihr dem Herrn Meyer denn raten?"

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