"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Thursday, 20 August 2009

Lost im Wahlkampf

Jetzt geht es in die heiße Phase: Wahlkampf ist angesagt!

Über den "Wahlkampf" ist seit Monaten in den Zeitungen geschrieben, im Radio gesprochen und im Bekanntenkreis sich überhaupt nicht aufgeregt worden. Ich sitze als Nichtwahlberechtigte schon mit Popkorn am Start und Füße auf dem Sessel vor mir im Kinosaal - und der Film fängt nicht an.

Monatelang hieß es von der SPD sowie von der CDU: "Wir befinden uns noch nicht im Wahlkampf", was meines Erachtens als Brite, dessen Land zum letzten Mal im Zweiten Weltkrieg eine Koalition erlebt hat, soviel hieß wie: "Wir dürfen uns noch nicht gegeseitig anmotzen".

Jetzt heißt es: "Der Wahlkampf hat begonnen", und somit "Angela Merkel hat noch 40 Tage, einen überzeugenden Plan für Deutschland vorzulegen" oder "Frank Walter Steinmeier hat nur noch 40 Tage an der Spitze der SPD".

"Wahlkampf" heißt aber viel mehr als sich gegenseitig etwas lahme Vorwürfen machen. Wir befinden uns ja schließlich im Vergnügungsland Deutschland. Und was für ein nationales Ereignis wäre der deutsche Wahlkampf denn, wenn es sich nicht irgendwie um Bier handeln würde.


video

Übrigens fand diese Wahlkampf-Veranstaltung auf dem Hamburger Dom, auf einer Kirmes also, statt. Deutscher geht das kaum. Naja, vielleicht auf einem Schützenfest oder in einem schönem Allwetter- oder eben Freibad mit Currywürste zur Stärkung, aber egal.

Und ebenfalls geht es in der Politik kaum deutscher als Franz Münterfering, wie ich finde. All die schönen sozialdemokratischen Stichwörter, deren englische Äquivalente sich die Labour Party in Großbritannien seit Jahren hat verkneifen müssen, kommen bei ihm vor: "Arbeit", "Industrie", "Anspruch", "Leistung", "Sozialstaat". In diesem Clip, zum Beispiel, sagt er, es gehe darum, "industrielle Arbeitsplätze" beizubehalten. Das kann man sich in Großbritannien überhaupt nicht leisten: Industrie ist schmutzig, altmodisch und kommunistisch. Es muss auch durch die angeblichen Linken dort die bescheuerte Vorstellung bedient werden, alle können zu Managern aufsteigen, wenn es nur wollen.

Aber hierzulande kann man sich als Linksstehender noch so richtig austoben.

Ja, Wahlkampf in Deutschland macht halt richtig Spaß. Vor allem für den Wähler. Als Wahlberechtigter bekomme ich von einer Volkspartei versprochen, dass sich der Vater-Staat um mich kümmert und mir einen Arbeitsplatz schafft - und bekomme noch ein gratis Bier dazu, bitte, wenn ich diesen kleinen Zettel bei der Kellnerin einlöse.

So hat man seit Jahrzehnten nicht mehr Politik gemacht in meinem Geburtsland. Die Briten sind da zu ironisch und misstrauisch: "Was? Freibier UND Arbeit UND die Rettung des Sozialstaates? Ob ich das wohl glaube..." Der Brite findet das alles too much. Er glaubt grundsätzlich, dass sich die Dinger verschlechtern. Einer, der im verspricht, es geht besser, ist schon suspekt. Und wenn er dann mit Freibier kommt, riecht er Lunte, kommt sich wie verarscht vor: "So billig kriegste meine Stimme nicht". Im deutschen Wahlkampf scheint das alles irgendwie noch zu gehen.

Wobei es überhaupt nicht so ist, als ob die Deutschen blauäugig und unreflektiert sich darauf einlassen. Die wissen alle schon, was Sache ist. Selbst Münte gibt es in einem anderen Part seiner Rede, die wir nicht aufnehmen konnten, zu: "Wir wollen Politik bringen, nicht nur euch abfüllen wie die CSU auf dem Oktoberfest."

Sagt er im Bayernzelt auf dem Hamburger Dom und lacht, während die Kellnerininnen in Dirndln noch eine Runde verabreichen.

Na also, die deutsche Öffentlichkeit ist doch ironisch-modern geworden. Es ist nicht mehr wie in 50er Jahren, als man den Arbeitern einfach Bier schenkten, bis sie en masse für einen ihre Stimme abegegeben haben. Man schenkt Bier, will die Stimme abkaufen, aber alle wissen Bescheid und man kann ja drüber lachen.

Jedoch gibt es bei Münte immer noch einen Hauch von einem vergangenen Zeitalter: Er wird regelrecht verehrt, bedingungslos, unironisch verehrt - sein Name wird skandiert. Er gehört noch zu diesem Schlag, der Politik machte "für den kleinen Mann", ist des "Arbeiters" bester Freund, kommt aus einer früheren Ära der Sozaildemokratie.

Und der wird immer noch von Menschen im meinem Alter hochgejubelt. Kann also noch funktionieren, die alte Paarung von Alpha-Tierchen und Bier. Vielleicht sollte er es mal mit der klugen Ironie lassen - obgleich ich die sehr schätze - und die Menschen doch einfach abfüllen wie die CSU. Schaden kann es nicht.

Und zumindest macht der Wahlkampf dann allen Spaß.

Danke an Kirian Scheuplein, Hamburgs beste Kamerafrau, für die freundliche Unterstützung.

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