"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Wednesday, 12 August 2009

Unlernen

Wenn wir, die wir Sprachen studiert haben an der Uni, uns mal zusammentun, regen wir uns immer wieder darüber auf, dass so manches, was wir damals beigebracht bekommen haben, eigentlich nicht stimmt. Oder noch schlimmer: Das es eigentlich doch stimmt, aber das es eh nicht so gesagt wird. Oder noch schlimmer als selbst dies: Das das so stimmt, aber das der Einfluss des Englischen das wieder geändert hat.

Beispiel: Englischsprachige sagen gerne "Have a nice day" (okay, also eher die amerikanische Fraktion) oder "Have a nice time". Damit wollen wir auf Deutsch übersetzt sagen: "Ich wünsche dir einen schönen Tag" oder "ich wünsche dir viel Spaß". Die Imperativ-Form in dem Kontext ist im deutschen eher ungebräuchlich.

Denkste. Lernste auch so.

Dann sacht dir einer "Hab' 'nen netten Tag" oder "Hab' viel Spaß" und da drehste durch. Man tut sich jahrelang schwer, schön idiomatisches Deutsch wie ein Deutscher reden zu können - und hat jede Menge Spaß dran - und deine Mitsprechende aus beiden Sprachen machen's dir kaputt. Sehr geil.

Womit sich als Engländer sonst noch schwertut, ist das deutsche "S". Für uns immer /s/, für euch mal /z/ und mal /sch/ - also der Unterschied zwischen "sein" und "Stein". Aber nach jahrelanger Praxis geht es rein und ist dann noch gefestigt.

Und dann kommste nach Norddeutschland und hörst nicht mehr "Stein" sondern "Sstein". Naja, könnte man sogar als "ßtein" schriftlich wiedergeben. Das norddeutsche Spitzeness, eben. Nicht mehr Steinstraße sondern "ßsteinßtraße", nicht mehr Sternschanze sondern "ßternschanze". Stade heißt übrigens "ßtade" und wer dorthin eine Radtour von Hamburch aus durchs schöne Alte Land unternimmt und dann anschließend in der ßtadt sich Kaffee und Kuchen zur Stärkung genehmigen will, der isst Käsekuchen mit "ßmand" gemacht.

Tja, das Plattdeutsch liegt halt näher am Englischen daran als sein hochdeutscher Vetter.

Hätte mir man aber zumindest sagen können, als ich damals über die S-Läute immer wieder geßtolpert bin. Aber manches kriegt man eben erst vor Ort beigepult; auch darüber sind wir aus der sprachwissenschaftlichen Richtung immer wieder einig.

5 comments:

Pedian said...

Ja, die Dialekte... da gibt's auch noch andere schöne Beispiele - der eine sagt Gelsenkiiiachen, den nächste Gelsenkürchen und so weiter.

Aber das ist kein deutsches Phänomen. Wer einmal einen richtigen Schotten gehört hat, bei dem ist auch Schluss mit RP ;-)

Brian said...

Allerdings! Geh mal nach Liverpool...

Wobei Dialekte sind in Deutschland nachweisbar unterschiedlicher und für Standardsprechende unverständlicher, als im englischen Sprachraum (z.B. Bayerisch, Schyzetüütsch & all so ein Kram).

Anonymous said...

Echt?

Im englischen Sprachraum hat man nicht nur England aber sondern auch viele anderen Länder wie Amerika, Australien, Afrika, Indien usw, wo die Dialekte echt anders sind. "Where are you?" gegen "Where you at?" Bei dir sind die deutschen Dialekte offensichlicher wahrscheinlich weil du kein Muttersprachler (Muddasprachler) bist.

Brian said...

Das stimmt, wobei die meisen Dialekte gegenseitig verständlich sind. Allerdings gibt es in Afrika und in Nord-Amerika unter den Schwarzafrikanern sehr interessante, kreative Varianten des Englischen, die teilweise unverständlich sind für nicht-Eingeweihte. Dagegen sprechen die Inder meistens reineres Standard Englisch als die Engländer... Aber auf eine Fläche in der Größenordnung von Deutschland findest keine so heftige Unterschiede wie im Deutschen.

Perdian said...

Inder und Standardenglisch? Das scheinen andere Inder zu sein, als die, die ich bisher kennengelernt habe ;-)

Ein ganz extremes Beispiel aus einer Telefonkonferenz mit ein paar Leuten aus London. "Agurururururururu" für ca. fünf Minuten.

Anschließend von einer anderen Person "Well, Satya just told us, that...".

Köstlich.