"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Friday, 18 September 2009

I heart SPD


Mein erstes Praktikum bei einer deutchen Tageszeitung machte ich 2006 bei der Financial Times Deutschland. Kurz nach meiner Ankunft hatte ich ein Treffen mit dem Leiter Personal und Recht, Adrian Schimpf, der mir erklärte, was die FTD - junger Ableger der britischen FT - so für ein Blatt war.

"Die FTD will gewissermaßen die Attitüden und Angewohntheiten der angelsächsischen Presse nach Deutschland bringen. Herr Melican, Sie kommen aus Großbritannien, wo es für eine Zeitung ganz üblich ist, eine Wahlempfehlung auszusprechen. Das darf man in der deutschen Presse beispielsweise nicht. Aber wir haben es 2005 getan."

Seitdem habe ich reihenweise Praktika in den deutschen Medien gemacht - und habe gesehen, wie das stimmt. So was macht man hierzulande nicht.

Aber zum Glück bin ich nicht nur Brite, sondern jetzt Freiberufler, und darf das. Also: Deutsche, wählt SPD!

Tut das für mich, armen Flüchtling von der konservativen Insel, der teilweise wegen sozialdemokratischen Werten nach Deutschland gekommen ist.

Tut das bitte für alle, die im heutigen Deutschland durch die Errungenschaften der Sozialdemokraten besser leben. Denn die Reichen leben ja immer gut, egal was für eine Regierung an der Macht ist.

Tut das wegen der über 140-jährigen Geschichte dieser stolzen, manchmal eigenwilligen und trotzigen aber grundsätzlich guten Partei.

Und da ich euch eine Wahlempfehlung ausspreche, dürft ihr ein Geheimnis über mich erfahren: Eigentlich bin ich eher Grün. In der Europawahl - wo ich in Deutschland meine Stimme abgeben durfte - habe ich ja Grün gewählt. Aber jetzt habe ich meinen Fehler eingesehen. Könnte ich jetzt in der Bundestagswahl wählen, würde ich sofort SPD wählen. Denn eine Stimme für die Grünen nutzt wenig, wenn sie mit der SPD nicht koalieren kann. Schwarz und Grün vermischen sich nämlich zu einem schmuddeligen Schwarz mit wenig Grün dabei.

Schwarz-Grün heißt: Keine Atomkraftwerke, dafür aber wirtschaftsliberale Politik in jedem anderen Ressort. Noch schlimmer wäre: Schwarz-Gelb! Neoliberaler Kackscheiß à la Friedrich Merz bis zum Gehtnichtmehr. Westerwelle an der Macht? Das gilt es zu verhindern. Thatcher hat den britischen Sozialstaat zerstört; bitte lasst keine männliche Kopie von ihr sowas auch noch hier anrichten.

Nur auf die SPD kann man sich verlassen, dagegen was zu unternehmen. Man muss ja aber nur für die stimmen! Denn ich denke, viele Deutsche wähnen sich geborgen, so nach dem Motto: man kann ja anderweitig wählen oder nicht wählen gehen, die Sozialdemokraten sind ja nämlich da und werden sowieso die schlimmsten Exzessen eindämpfen.

Aber wenn keiner für die seine Stimme abgibt, sind sie irgendwann mal eben nicht mehr da.

Und Deutschland, Europa, die Welt wäre ohne die SPD um einiges ärmer.

5 comments:

p_j_fry said...

lieber Brian,
Ich weiß nicht wie lange Du schon hier bist, aber Du hast da etwas entscheidendes übersehen:

Bei der SPD handelt es sich nur um eine sozialdemokratische Partei, während Sie sich in Opposition befindet!

Solange die SPD regiert, gibt es in Deutschland keine sozialdemokratische Partei (siehe auch Tony Blair/ neue Linke usw.)

So ist z.B. Harz IV noch unter Schröder beschlossen worden. Die große Koalition hat mit Hilfe der SPD den sozialstaat fröhlich weiter abgebaut, um unser pervertiertes Finanzmarktsystem unangetastet lassen zu können, Die SPD hat den Einsatz in Afghanistan mitgetragen, usw. usf.
Bei der letzten großen Koalition wurden die Notstandsgesetze erlassen, also ist nicht nur mit sozial, sondern auch mit Bürgerrecht Essig, solange die SPD (mit) regiert.

Deutschland ist kein Land der Macher und Lenker, sondern der Bremser und Verhinderer und das scheint nur auf den ersten Blick schlimm.
Wenn man hier etwas erreichen will, dann geht das am effektivsten, wenn man versucht das Gegenteil zu verhindern:

Lass doch schwarz/grün eine hauchdünne Mehrheit, solange es eine starke linke Opposition gibt, ist das der sicherste Weg deren Neoliberale Wahnvorstellungen zu blockieren. Ist die SPD Teil der Regierung, wird Sie diese mittragen müssen.

Brian said...

Bei aller Zustimmung kann ich nur sagen: Stell dir mal vor, die CDU hätten die 90er und Anfang der 00er durch regiert. Dann hätten wir eine Sache Typ Agenda 2010 gehabt, die viel härter gewesen wäre.

Und wäre gewesen, wenn man das von den Oppositionsbänken nicht hätte verhindern können?

Prinzipien-gerechte Opposition ist gut. Entscheidene Mehrheit und ergebnis-orientiertes Mitwirken ist besser.

p_j_fry said...

aber jetzt setzt Du ja voraus, das die regierenden Politiker soetwas wie einen Handlungsspielraum haben!?

Das war doch zuletzt irgendwann Anfang der 90'er Jahre so.

Seit dem werden alle Gesetzentwürfe direkt aus den Thesenpapieren der entsprechenden Lobbyverbände übernommen. Politiker die es wagen eigene Standpunkte zu vertreten, werden von einer weitestgehend gleichgeschalteten Presse in emotionalen Hysteriedebatten geschlachtet:
Benzinwut, Schweinegrippe, Sauerlandgruppe und so weiter...

Das beste Beispiel ist wohl, das wir gerade eine hirnrissige Schuld & Sühne Debatte über Managergehälter führen, anstatt die Finanzmärkte zu regulieren. Letzteres ist einfach drei Nummern zu groß, für egal welche Regierung. Für Gesundheits-, Bildungs-, und Sozialreform gilt das Selbe.


Am Ende werden wichtige Entscheidungen ohnehin auf EU Ebene getroffen, ohne jede demokratische Legitimation.

Die Bevölkerung zieht sich (völlig zurecht) in Ignoranz zurück und nimmt am politischen Willensbildungsprozess nicht mehr teil.

Die parlamentarische Demokratie ist zu einer Farcé verkommen und die letzte Hoffnung liegt in der Opposition, innerhalb UND ausserhalb des Parlamentes.

All diese guten Ideen die regierende Politiker nicht mal mehr ausprechen dürfen, müssen ein Gesicht, eine Stimme und eine Zahl von Anhängern bekommen, die sich in Wählerstimmen umrechnen lässt. Nur so kann die Demokratie gerettet werden.

Und dann ist es auch egal welcher Farbe die Marionette nun genau ist, die gerade den Kanzler miemt.

Willy said...

Wir haben in Deutschland meiner Meinung nach eher so etwas wie eine große sozialdemokratische Koalition. Auch CDU/CSU und FDP geben lediglich Lippenbekenntnisse zur freien Marktwirtschaft ab.

Letztendlich haben wir aber ein fürchterliches bürokratisches Monstrum von einem Sozialstaat, das niemand wirklich reformieren will, weil zu viele Partikularinteressen (siehe z.B. Gesundheitsreform) davon abhängen, die dennoch von der politischen Klasse dreisterweise als Allgemeinwohl verkauft werden.

Heraus kommen dann dabei so klägliche Versuche wie Hartz IV, die den Menschen weiteren bürokratischen und teilweise menschenverachtenden Unsinn aufbürden, ohne die wirklichen Probleme tatsächlich anzugehen.

Jens Matheuszik said...

Danke für den Beitrag! Der hat mich dazu gebracht eine Beitragsreihe zu starten, in der ich heute schreibe Warum SPD wählen? Um den Atomausstieg zu sichern.