"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Thursday, 29 October 2009

Ist die Rhein-Ruhr S7 eigentlich eine Zeitmaschine?

Ein Besuch bei meinen Pateneltern in Solingen wirft immer viele - oft existentielle - Fragen auf. Zum Beispiel ob ich noch einen Pfannkuchen schaffe. Oder ob ich noch einen Kaffee möchte. Oder ob ich - davon ausgegangen, dass ich bei fast nichts helfen darf und nirgendwo zu Fuß hin muss - überhaupt noch was zu mir nehmen will.

Aber nicht nur diese Fragen (die übrigens alle bejahend zu beantworten sind) kommen in Solingen auf, sondern auch die schwierige wissenschaftliche Frage nach der Beschaffenheit der Zeit.

Inwiefern?

Insofern, dass ich Solingen meistens nach einem Besuch bei Freunden in der schönsten Stadt am Rhein mit der S7 von Düsseldorf aus anfahre. Einsteigen tue ich definitiv in dem teuren, handy- und Blackberry-überlaufenen Hierundjetzt; aussteigen tue ich anderswo in einer anderen Zeit.

Woran ich diese Umstellung erkenne? An den Haarschnitten. Irgendwo zwischen Düsseldorf-Eller und Hilden-Süd fahren wir über die Grenze zwischen dem Jetzt und dem Reich des Vokuhilas. Da er in nicht-ironisch getragener Form vom Thron der Aktualität schon gen Ende der 80er endgültig abgesetzt wurde, kann ich nur davon ausgehen, dass die Vokuhila-Dichte an Solingen darauf hinausdeutet, dass Solingen tief in einer Zeitschleife sitzt.

Unterstützend für diese Theorie: Die Tatsache, dass den meisten Menschen in Solingen "Mitbewohner" erfahrungsgemäß noch ein Fremdwort ist; Die Belebtheit der örtlichen Reiseagenturen - Geschäfte, die in anderen Städten schon aussterben; Der wunderbare Kaffeepreis, der immer noch unter 1 Euro liegt und sowieso oft in "Pfennig" von der Verkäuferin angegeben wird. Deren Pulli weist natürlich auch einen super-schicken 80er-Jahre-Schnitt auf.

In einem Wort: Ich liebe Solingen!

Thursday, 22 October 2009

Habe ich einen Schatten?


Erstaunlich, dass es mir auch nach paar Jahren in Deutschland immer noch vorkommt, dass ich mal ahnungslos, völlig ohne Schimmer dastehe.

In den meisten Fällen aber merke ich, dass meine lange Ausbildung zum Sprachwissenschaftler und meine nicht unerheblichen Erfahrungen in Deutschland mich in die Lage gesetzt haben, neue Wörter sofort aus dem Kontext herauszuinterpretieren; welch Fähigkeit mir schon oft in den verschiedensten Situationen zugute gekommen ist.

Doch heute Morgen hörte ich wie üblich Deutschlandfunk und kam schon bei der ersten Meldung in der Nachrichtenzusammenfassung um 08:00 nicht mit: FDP und CDU/CSU würden sich einen "Schattenhaushalt" überlegen.

*Ratter ratter ratter*

Hm. "Schattenhaushalt". Was könnte das denn bedeuten? "Schatten"?

*Ratter ratter ratter*

Naja, dass sind Parteien, die immer die SPD wegen Schuldenmacherei geißeln. Also wird das schon irgendwelche Sparmaßnahme sein.

Oder?

Dann höre ich weiter zu und dann glaube ich zu verstehen, dass "Schattenhaushalt" so viel heißt wie: mehr Geld ausgeben, als wir eigentlich haben, und dann noch einen "Nebenhaushalt" (Duden - Synonym für "Schattenhaushalt") führen, damit die dadurch verursachten Schulden in eine andere Bilanzierung ausgelagert werden können (was sich jetzt nach der Wirtschaftskrise und "Badbanks" schon furchtbar vertraut anhört...)

Das ist jetzt zugegebenermaßen nur meine persönliche Auffassung als Nichtmuttersprachler; vielleicht habe ich ja den Schatten.
Das Bild habe ich dem User westpark auf Flickr zu verdanken.

Tuesday, 20 October 2009

Kürbis

Nächste Woche bin ich für das Lost in Deutschland Video-Blog zum Thema "Kürbis" unterwegs.

Nur relativ selten habe ich es mit einem für mich so eindeutigen Fall zu tun. Viele kulturelle Unterschiede, die ich so aufgreife, wollen erstmal recherchiert werden. Denn es gibt im Grunde genommen bei allen interessanten Abweichungen wohl mehr deutsch-britische Ähnlichkeiten als etwa britisch-amerikanische: der Sozialstaat (allerdings in unterschiedlicher Qualität...), öffentliche Verkehrsmittel (ditto), ständiges Scheißwetter.

Apropos Verkehrsmitteln: Ist es also wirklich so, musste ich mich zum Beispiel fragen, dass man in Großbritannien immer seine Fahrkarte vorzeigen muss, um auf ein Bahnsteig zu gelangen? Es gibt nämlich sicherlich irgendwelche Kleinkaffbahnhöfe, wo das nicht der Fall ist, auch wenn ich das aus meinem Leben dort so kenne.

Auch zu überprüfen war erstmal zum Beispiel die Sache Stadtbahn. Denn eigentlich ist die U-Bahn in London auch nicht 100% unterirdisch. Ich habe mich dann doch entschieden, das Thema umzusetzen, weil die U-Bahn in Großbritannien bei genauerer Betrachtung zwar mal überirdisch, aber immer vom Straßenverkehr getrennt fährt. Diese deutsche U-Bahn-Züge, die plötzlich mitten im Straßenverlauf auftauchen und unerfahrene Engländer schockieren, gibt es nicht.

Doch bei Kürbis ist es von vornherein ganz klar. In England gibt es auch "Pumpkins" im Herbst - aber meistens unter amerikanischen Einfluss zum Halloween-Schnitzen. Nichtsdestotrotz gibt es auch Esskürbisse in den letzten Jahren dank Fernsehköchen und wachsender kulinarischer Abenteuerbereitschaft zunehmend. Aber in Fülle und Hülle wie hierzulande gibt es Kürbisse wohl nirgendwo.
Deswegen freue ich mich unheimlich auf die Ausstellung, die wir nächste Woche in Dormagen aufnehmen werden: Denn in Hamm vor vier Jahren erlebte ich meine erste deutsche Kürbisschau. Und die sah schon hinreißend aus.


Thursday, 15 October 2009

Das ist Deutschland


Punkthäuser am Abend mit verdammt vielen Bäumen*: Wenn ich ab morgen nie wieder in Deutschland sein würde, würde ich mir das - neben diesen komischen Säulen mit Werbung drauf und ein Pils mit einer schönen Krone, unter Anderem - als Deutschland-Bild merken.

*Ein ehemaliger Mitbewohner von meinem langjährigsten Freund sagte mir einst, nachdem ich ihm erzählt hatte, ich studierte Germanistik: "Ach so. Ich war ja einmal in Deutschland. Verdammt viele Bäume."

Monday, 12 October 2009

Anglizismus-Center Deutsche Bahn

Das Ding mit Anglizismen ist, dass die sich auf den Deutschsprachigen natürlich nicht so auswirken, wie auf den Englischsprachigen.

Zum Beispiel diese Konstruktion "das Ding ist" - für mich eine ganz normale Art, einen Satz auf den Weg zu bringen. Für den Deutschen eine holprige, überflüssige Alternative für "es ist so, dass" und Ähnliches.

Und anders rum gibt es Anglizismen, die sich für das deutsche Ohr besser anhören als für das Englische. Wie im bekannten Beispiel "Bodybag": Denn "Body" für den Deutschen klingt nach Sport, Schweiß und anschließender Schönheit. Für den Engländer ist Body nicht nur "Körper" sondern auch "Leiche" - daher Bodybag als Leichensack.

Das kann der Deutsche natürlich nicht wissen. Und wenn er das Wort in seiner Sprache so einsetzen will, dann sei es ihm auch gegönnt. Das mag sich für den Engländer komisch anhören, aber unsere Sprache ist es nicht und nur die wenigsten von uns geben uns überhaupt die Mühe, sie nur ansatzweise zu lernen.

Doch kann ich mir das Lachen einfach nicht mehr verkneifen, wenn ich englische Wörter plakativ zweckentfremdend eingesetzt sehe. Super-lustig ist immer in der deutschen Lokalpresse zum Beispiel das Wort "City". "Gestern in der Hammer City..."; "Neue Umgehungsstraße für die Soester City"; "Buchholzer City muss neu konzipiert werden". Der Zusammenprall zwischen der deutschen Vorstellung einer City (so in etwa die Stadtmitte von einer Kleinstadt) und meiner Vorstellung einer City (eine Großstadt ab 250.000 Einwohner...) ist einfach zu dolle.

Und noch so ein Wort ist "Center" bei der Deutschen Bahn. Da geht - bzw. kreist es seit einiger Zeit nur noch darum, Anlagen in Centers umzubauen. Neuerdings gesehen in den großstädtischen Hauptbahnhöfen: "Toilet Center".

Dabei ist Center für den Engländer so was wie ein Call-Center, Firmensitz oder große Einkaufspassage: Also keine WCs.

Und aus jeder Fahrkartenausgabe in jedem Bahnhof ist schon längst ein "Reisezentrum" geworden, was ich schon grenzwärtig finde. Denn für mich ist ein Zentrum nicht zwei Schalter in irgendeinem Kaff-Bahnhof. Also: Nichts gegen die Lebenstedter City in der Metropole Salzgitter, aber das hier geht einfach gar nicht:


Ich warte jetzt nur noch darauf, dass diese Hütte in "Travel Center" umbenannt wird mit anliegendem "Toilet Center" - das dann natürlich ebenfalls aus Wellblech und billigem Kunststoff besteht. Oder der vielleicht einfach nur ein Loch im Boden ist.

Aber das Ding mit Anglizismen ist eben auch, dass sie sich chic anhören. Es macht vom Gefühl her schon was aus, ob ich meiner Notdurft in einem "Scheißloch" oder einem "Toilet Center" verrichte.

Friday, 9 October 2009

Bei der Zahnärztin

"Also, Herr Melican, das sieht ja alles wunderbar aus. Da Sie nur zur Kontrolle hier sind, machen wir einfach nochmal ein bisschen sauber und das war's bis nächstes Jahr."

"Alles klar."

"Dann machen Sie mal den Mund auf... Ach so, haben Sie schon gemacht."

"Ja, da bin ich gut drin."


*knirsch* *knirsch* *bürst* *knirsch* *bürst*


"Gut, dann war's das auch. Sagen Sie mir mal, benutzen Sie Zahnseide?"

"Naja, habe ich mal versucht. Aber meine Zähne sind, wie Sie sehen, ganz eng aneinander gepackt und die ganzen Seiden sind immer zerfasert worden und blieben auch mal zwischen den Zähnen stecken."

"Haben Sie denn keine Bandseide empfohlen bekommen?"

"Band-Seide?"

"Ja, so hier."

"Habe ich noch nie gesehen."

"Komisch. Wo haben Sie vorher gewohnt nochmal?"

"England."

"Ach so. Alles klar."

*

"Also, Herr Melican, wir sehen uns nächstes Jahr. Frohes Weihnachten, ne?"

"Äh, ja. Klar, Ihnen auch. Aber wollten Sie nicht Geld von mir haben oder so?"

"Was?! Für 'ne Kontrolle?"

"Ja, aber da haben Sie so ein bisschen gewerkelt gerade und ich dachte... Naja, in England hat das mir noch umgerechnet €25 gekostet. Wollen Sie nicht zumindest eine Praxisgebühr nehmen?"

"Nein, Herr Melican, alles in Ordnung. Wir sind ja in Deutschland hier!"