"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Monday, 16 November 2009

Brecht, Grönemeyer - nur in Deutschland?

Es gibt so Theaterstücke, die man nur in Deutschland produziert bekommt.

Und hierbei will ich eigentlich nicht über Brecht schreiben, der trotz des vermeintlich unübersetzbaren "Verfremdungseffekt" auch in England durchaus ein Publikum findet. Wiederum war Brecht ein Verfechter der Didaktik auf der Bühne - und darum geht es mir in erster Linie.

Ich war gestern nämlich auf der Uraufführung vom Musical "Der kleine Medicus". Das ist die Umsetzung vom erfolgreichen gleichnamigen Kinderbuch von Dietrich Grönemeyer (ja, Bruder des berühmten Herbert...). Für die, die es nicht wissen: Der kleine Medicus ist ein kleiner Junge, der gerne Arzt werden will und durch wessen Erfahrungen andere Kinder über ihren Körper und über ihre Gesundheit lernen sollen. Und aus diesem Buch ist nun eine Bühnenproduktion geworden.

Also ist das ganze Unternehmen vom Anfang an didaktisch. Im Theater sollen Kinder lernen. Eigentlich nichts Neues, denn es gibt mal seit jeher Didaktik auf der Bühne: das sind nämlich Vorlesungen. Das ist ja das, was dabei rauskommt, wenn man Menschen Stoff beibringen will und dazu auf der Bühne steht und diesen Stoff spricht.

Und weil Grönemeyer das wohl weiß - und weil er wohl weiß, dass Kinder in der Regel keine Vorlesungen mögen - hat er sich dafür entschieden, die Vorlesungen mit Witzen und Action zu versüßen. Wie das funktioniert? Nun, der kleine Medicus wird geschrumpft und in Menschenkörper geschickt, um sich alles von innen anzugucken und um diese Menschen vor einem Bösewicht zu schützen, der ebenfalls in geschrumpter Form in ihnen unterwegs ist.

Nach den ausgiebigen, für Kinder bestimmt spannenden Specialeffects, die für diesen Trick benötigt werden, kann die Vorlesung dann beginnen. Da müssen sich die Kinder nur einen fünfminütigen Beitrag zum Thema Verdauung (mit großen Wörtern wie "Kohlenhydrate" und alles drum und dran) reinziehen und dann geht es wieder witziger zu: Der kleine Medicus muss nämlich aus dem Blinddarm wieder raus und das geht ja nur über einen Weg. Stichwörter "Pups" und "Ich muss mal". Da dürfen die Kinder wieder lachen.

Zum Thema Klo: Der Grönemeyer versteht die Kinderpsychologie ja hervorragend und hat nicht nur gemerkt, dass Kinder keine allzu lange Vorlesungen vertragen, sondern auch, dass Kinder sich über Körperausscheidungen regelrecht kaputtlachen. Und da kommen wir zu noch so einer Nummer, die man wohl nur in Deutschland - in einem Land, wo sich Menschen mehr als unbefangen über ihre Hinterlassenschaften unterhalten - bringen kann.

Denn, wenn die Vorlesungen besonders lang geraten und die Kinder unruhig werden, widmet der Grönemeyer gerne eine ganze Szene dieses Musicals dem Thema Klo. Der große Bösewicht verliert nämlich dadurch das Spiel, dass sein Anhänger dringend pissen muss. Worüber er dann ein Lied singt. Da dürfen die Kinder natürlich auch lachen.

Das gibt es auf der Bühne in dieser Konstellation und in dieser Form wohl nur in Deutschland: oberlehrerhafte Vorlesungen zur menschlichen Biologie gemischt mit lauter Klo-Gags, alles schön mit knalligen orangefarbigen Kostümen und nachgemachten 80er-Jahre-Mucke und Schlager-lite der übelsten Sorte. Und das alles völlig unironisch gemeint und sich an Kinder - ja, an Kinder, die Armen! - ausrichtend.

Das kriegst du wirklich nur in Deutschland produziert.

Und selbst dann wohl eigentlich nur in dem Falle, dass du mit Nachnamen Grönemeyer heißt.

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