"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Monday, 4 January 2010

"Frohes Neues, Alter!": Silvester in Deutschland


In der Debatte um den Zweiten Weltkrieg und der Frage, ob es so was wie eine "deutsche Schuld" gibt, kommt das Wort "Mitläufer" oft vor. Eine "Mitläufer-Mentalität" sei ein besonders deutsches Problem gewesen damals, das diese entsprechend besondere Vokabel benötige: So lernten wir das im Deutschunterricht.

Nun finde ich als Mensch, der in vielen Orten gelebt und gearbeitet hat, dass das "Mitläufertum" in jedem Land existiert. Es ist nur dann die Frage, auf welche Art und Weise sich dieses Dazugehörenwollen bzw. Sichnichtmehrabgrenzenvon eben ausdrückt.

Im UK sieht man Mitläufer immer wieder im Immobilienmarkt. In Frankreich sind es vor allem Sprüche und Ausdrucksweisen, an die sich alle auf einmal auffällig festklammern. Und in Deutschland zeigt sich das Potential zur Rudelmentalität im vollen Umfang am Silvester.

Schon um 23:50 ging das los. Vom Balkon aus sah ich, wie das Panorama von Hamburg explodierte. Von der Alster links über die Stadtmitte bis zum Hafen schossen Raketen hoch. Unter mir an der Fruchtallee mussten Autos ausschweifen, als Jugendliche - einige meiner Mitbewohner darunter - auf diese sechsspurige Verkehrsader stürmten, um dort Flaschenraketen loszuschießen und Böller runterzuschmeißen.

Eine Halbstunde später waren alle immer noch dabei. Die Geräusche erschienen, die Farben tobten synästhesisch weiter. Wunderschön war es, aufregend, aber mit einem Hauch von Bürgerkrieg immerhin. Solche Bilder bekam man als Engländer in meiner Alterklasse nämlich von Jugoslawien ca. 1993 in den Nachrichten zu sehen: Hochhäuser irgendwo in Europa in der Nacht, Raketen am Vorbeischießen, fliehende Menschen.

Nicht, dass die Engländer kein Feuerwerk mögen: Bei uns ist vor allem der 5. November ein nationaler Feuerwerkfest. Aber der Raketenacker ist irgendwie dünner gesät. Die Menge ist kleiner und wird über einen ganzen Abend -und dann am nächst gelegenen Samstagabend - verballert bzw. verböllert. Offizielle Veranstaltungen den Kommunen ersetzen übrigens vielerorts die Straßenschlacht à la Silverster in Deutschland.

Das es in Deutschland aber so abgeht, ist klar. Denn deutscherweise ist der Verkauf von Feuerwerkskörper bis auf einige Tage verboten und die Dinger dürfen nur am 31. oder 1. abgebrannt werden. Diese Organisierung des Chaotischen ist auf jeden Fall sehr Deutsch (das Oktoberfest und Karneval lassen grüßen). Und einige Begriffe, die mit Silvester verbunden sind, gibt es eben wirklich nur in Deutschland: "Ordnungsamt", "Feuerwerkverkaufstage", "Ausverkauf".
Danke an roehe (Flickr) für das Bild

1 comment:

MadamOz said...

Organisiertes Mini-Chaos eben. Ich mag ein bisschen Silvesterfeuerwerk, nur nicht mehr am nächsten Tag. Dann nerven die Böller nur noch.
Außerdem hab ich einen Heidenrespekt davor und zitter heut noch (mind you I've got an adult son), wenn ich was funkensprühendes oder knallendes anzünde - zu viele Warnungen in der Kindheit :-)

Grüße aus Melbourne nach Dland.

PS Hab dich zufällig entdeckt