"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Monday, 31 May 2010

Lena beim Grand-Prix: Eine Deutschland-Deutung

In England heißt Le Grand Prix Eurovision de la Chanson seit Jahren schlicht "Eurovision". "Grand Prix" ist nämlich schon für Formel Eins vorreserviert. Als ich also in Hamburg das erste mal zum "Grand-Prix-Gucken" eingeladen war, war ich etwas perplex: Ein Formel-Eins-Rennen, dass samstagabends stattfindet? Eine Frau, die das feiern wollte mit Würstchen und Kartoffelsalat?

Aber nun gut, man hat ja alles gesehen, ne? Vielleicht war das Rennen ja in Australien oder so? Und wegen Frauen und Autos und "typisch männlichem" Hobby - naja, Gleichberechtigung und so. Warum denn nicht?

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"Grand-Prix-Gucken" scheint auf jeden Fall ein eher Hamburgisches Ding zu sein. In anderen Teilen von Deutschland - sowie in England - wird die Veranstaltung zwar geguckt, aber nur von Leuten, die eh Samstagabends vor der Glotze hängen. Dass man speziell eine Party dafür schmeißt, dass habe ich nur in Hamburg erlebt.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Punktevergabe immer vom Spielbudenplatz auf Pauli erfolgt? Die Hamburger fühlen sich denn gebundener an den Grand Prix - und wollen natürlich gucken, ob Deutschland gewinnt. Wenn ja, lassen sie in der Wohnung alles stehen und laufen auf den Kiez.

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Lenas Erfolg war sehr Deutschland-ca.-2006. Das war WM-Stimmung insofern, als die Deutschen nicht glauben konnten, wie einfach das mit Normalität auf der Weltbühne jetzt geht. Man darf mit Fähnchen schwenken und sich unverhohlen freuen, dass ein Vertreter seines Landes Erfolg hat, ohne dabei in Verdacht des Bismarck'schen Nationalismus - oder Schlimmeres - zu geraten.

Lena und ihr Show waren übrigens für den Deutschland-Kenner der reinste Ausdruck der modernen Bundesrepublik. Also schlicht, geschäftsmäßig und praktisch angezogen - man vergleiche Lenas kleines Schwarzes mit - naja, mit den Outfits von den ganzen anderen Tussen da. Ein Sinnbild der kargen aber attraktiven deutschen Ästhetik, ein Pendant zur deutschen Liebe zu IKEA-mäßig schlichten Inneneinrichtungen und Zweckbauten mit Stahl und Glas.

Auch analog zu größeren Tendenzen im zeitgenössischen Deutschland: Everything in English! Deutschland hat sich früher als andere große Kulturnationen damit abgefunden, dass Englisch die Weltsprache ist und ganzen Generationen von Deutschen dementsprechend eingetrichtert, dass alles auf Englisch gehen muss - inklusive der eigenen Kultur. Und das ist ein Erfolgsrezept. Da mag der Pedant wie ich falsches Englisch bei der Deutschen Bahn soviel kritisieren und sich soviel über Lenas grässlichen Akzent - irgendwo zwischen Dickens'chen Waisenkind und bösewilligem Persiflage einer schwarzafrikanischen Soul-Sängerin angesiedelt - lustig machen: Weniger anspruchsvolle Englischsprechende merken das nicht. Auch nicht die ganzen anderen Europäer, die Englisch ebenfalls mühsam lernen mussten: Was ausschlaggebend ist.

Und ganz wie das Deutschland von heute kann Lena kaum glauben, dass sie gewonnen hat. Dank Fleiß, Übung und Kalkulation produzieren deutsche Firmen Produkte, die in aller Welt gefragt sind: Ist doch kein Kunststück, dass man da Erfolg hat. Lena und Raab haben mit ihrem zweckmäßigen Schlager-Lied genau das richtige für Eurovision gewählt und sie hat es schön fleißig geübt: Sie ihr der Erfolg gegönnt!

2 comments:

cagun said...

Cool, wie Du "unsere" Lena beschrieben hast, sehe ich genauso. Ich hätte mich das nicht getraut, wären wahrscheinlich 18 von meinen 20 Lesern gleich "hops" gegangen ;-)

Brian said...

Schon ein schönes Ding, als Engländer sich so eine Ketzerei gegen die Lena-Begeisterungs-Orthodoxie leisten zu können.