"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Friday, 25 June 2010

Hilfe! vs. Help!

Boah ey, ich kann das alles nicht mehr sehen: Diese Fähnchen, diese Trikots, diese Proll-o-mobile mit schwarz-rot-geld überall, wo es sich nur festmachen lässt - und an einigen Stellen, wo es eben nicht festsitzt. Aber egal: Hauptsache die Hamburger Fruchtallee schön schnell runterfahren an meinen Fenstern vorbei und "'Schland!" schreien.

So ist richtig! Ja, so sieht eine verantwortungsvolle Teilnahme am Straßenverkehr aus.
'Schlöcher! grübele ich vor mir hin.

*

Mittwoch sollte ein Freund von mir zum Abendessen vorbeikommen. Nun: Als urbaner freiberuflicher Medienschaffende im schicken Eimsbüttel esse ich schon aus Prinzip ungerne vor 21:00 zu Abend. So was machen Leute die sich nach dem "Maloch" ein "Feierabendbier" bestellen.

Der Freund ruft aber an und fragt, ob wir doch nicht eher gegen 19:00 essen könnten.

Der Grund?

"Diese Scheiß-WM. Muss ich doch mit der Bahn an den Messehallen zu dir vorbeifahren - und da steigen sie zum Fanfest aus. Da will ich nicht nach Spielende durchmüssen."

Diese WM: Nicht nur macht es aus ganz normalen Deutschen ätzende Dummprolls, aber es zwingt mich dazu, mich wie einen zu verhalten. Ach, was solls, her mit dem Dosenbier! Das mit Assigkeit haben wir Engländer sowieso schon ganz gut drauf.

*

Und jetzt zu allem Überfluss noch England-Deutschland am Wochenende. Brauchte ich mal eine Ausrede, um meine In-'ner-Londoner-Plattenbausiedlung-aufgewachsen-Assigkeitssau rauszulassen, wäre es dieses Spiel hier. Aber Im-Feinripphemd-mit-Kippe-im-Maul-Saufen tu ich sowieso mal gerne - da brauche ich nicht 90 Minuten vor der Glotze für verbringen.

Aber die Mitbewohner lassen nicht locker. Ich müsse mitgucken.

Und sobald ich mein Zimmer verlasse, kommt einer rein und hängt eine Deutschlandflagge bei mir am Balkon raus, die ich jetzt schon paarmal wieder runtergenommen habe.

"Ach Menno! Brian, nur weil es eine Deutschlandfahne ist. Du kannst auch eine Englische danebenhängen..."

"... Hörtmal! Ich will keine Fahne von keinem Land nirgendwo raushängen! Versteht ihr das nicht?"

*Vuvuzela-Geräusche und besoffenes Gelächter*

Für die Fotos möchte ich mich bei Flickr-User smitty42 (oben links) und epha (unten rechts) bedanken.


Monday, 14 June 2010

Teutsche Tugende

Jeder kennt die, die Eigenschaften, die den Deutschen im Ausland zugeordnet werden: Organisationstüchtigkeit und penibler Genauigkeit, Präzision und Perfektionismus, tiefgehende Begeisterungsfähigkeit und einen Hang zu sentimentalem Schmalz.

Meistens halte ich nichts von der Aussagekraft solcher Stereotypen, obwohl die Deutschen wirklich in Sachen Organisation so einiges drauf haben. Aber zu WM-Zeiten kommen die ganzen stereotypischen Charaktereigenschaften zusammen: Und das Resultat ist... knallig!



Ja, bei der Ansicht der deutschen Häusern, Balkonen und Pkws zu WM-Zeiten kann man sich des Eindruckes kaum erwehren, dass die Deutschen in der Tat überorganisierte Freaks sind, die immer nach einer Schopenhauer'schen Vollkommenheit streben und sich in jeden Scheiß so reinhängen können, dass die Rationalität erstmal völlig außer Kraft gesetzt wird.

Nicht, dass der Deutsche der einzige ist, der seinen Wagen und seine Wohnung zur WM mit der Fahne dekoriert. Nein, das tut natürlich auch der eine oder andere Engländer. Der Amerikaner tut es ja sowieso, WM hin oder her. Aber der Engländer kauft aus Impuls an der Kasse so eine Fahne. Der Deutsche, nein: Der Deutsche macht es wie mein einer Mitbewohner und zieht drei Wochen vor WM-Start in einer detailgenauest geplanten Operation auf Einkaufsmission los.

Letztens kriegte ich ein solches "Unternehmen Dekorieren" aus nächster Nähe mit. Da nimmt sich der Mitbewohner einen freien Nachmittag von der Arbeit und macht sich auf dem Weg mit Geld und Stofftüten (der Umwelt zuliebe!) bewaffnet. Letztere stopft er dann mit Kunststoff-Fahnen und -Girlanden in rauen Mengen voll. Dann schreitet das Unternehmen in die heiße Phase; dann wird "dekoriert". Da verbringt er eine Halbstunde mit Hammer, Trittleiste und der Zunge konzentriert durch die Zähne herausgesteckt - und fertig ist die WM-Thema-Schaubude.

Und keiner stört sich daran.

Ja, es wird sogar gefragt von den anderen Mitbewohnern, wo er das alles her habe? "Du, du kannst ma' zur Penny gehen. Da hamse ganz nette Sachen. Und Edeka haben Fahnen zum halben Preis..."

Aber es werden keine halben Sachen gemacht.

Dann kommt gestern das erste Deutschland-Spiel. Soviel Schwarz-Rot-Gelb-Makeup habe ich noch nie gesehen. Soviel Anteilnahme vor dem Fernseher, soviel schreien, soviel Drama! Warum habe ich das pflegmatische England bloß hinter mir gelassen, wo nur die letzten Assis den Fernseher anschreien und nicht irgendwelche normale Mittelschichts-Mitbewohner? Was ist denn jetzt hier los?

Dennoch darf ich das nicht alles so schwarz(-rot-gelb) sehen. Gucke ich aus dem Fenster auf die viel befahrene Fruchtallee, so kann ich eine repräsentative Studie durchführen, die zeigt, dass die meisten Deutschen doch auch zur WM-Zeiten einen ganz gesunden Menschenverstand an den Tag legen: Von 100 Autos, die hier im Zeitraum 15:30 bis 15:32 vorbeifahren, haben meiner Zählung nach nur 10 Fahnen. Wiederum haben 3 von diesen 10 bereits zwei Deutschland-Fähnchen...

Friday, 11 June 2010

Frank+Furt


Ich bin nicht oft in der südlicheren Hälfte von Deutschland; meistens begrenzen sich meine Reisen von Hamburg aus auf Berlin und NRW. Deswegen freue ich mich immer wieder, mal über Köln und Hannover hinauszukommen und das komische Dialekt sprechende, den Löwenanteil des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftende, Wein-produzierende Deutschland kennenzulernen.
Oder das Apfelwein produzierende Deutschland, denn ich war diese Woche in Frankfurt. Zwar zum dritten Mal, aber beide vorige Malen waren Aufenthalte von 12-15 Stunden, wovon einen variierenden Anteil abgeschlafen wurde. Diesmal habe ich das aber auf fast 24 Stunden in der "Mainmetropole" gebracht, schön mit Termine, Freizeit und Rumgucken.

Und für mich steht nun fest: Frankfurt ist eine Stadt der krassen Gegensätze. Sie ist reich und arm, nagelneu und steinalt, groß und klein. Sie ist eine Stadt mit einer der weltweit stärksten Privatwirtschaften und dennoch einer sehr bundesdeutschem öffentlichen-sozialen Ader. Sie ist eine Stadt, die anzieht und abstößt.

Gigantisch, weltmännisch der Hauptbahnhof. Ein Ort der möglichkeiten, wo der Inselaffe staunt, weil an der Anzeigetafel Züge in mindestens sechs Länder stehen, alles von A wie Antwerpen bis Z wie Zürich.

Kleinkarriert und provinziell dieser Römerplatz. Nett und schnuckelig, auffällig urig in vergleich zu den Wolkenkratzern im Hintergrund. Hamburgs adrette Binnenalster passt zur hanseatischen Identität, Berlins Brandenburger Tor und Reichstag zu einer Regierungsstadt. Frankfurts Platz tanzt aus der Reihe.

Reich die Innenstadt. Voller Banker nach Feierabend, die in den ganzen Restaurants um die Hauptwache locker 30 EUR für ein Abendessen und paar Bierchen ausgeben können - jeden Abend.

Arm der Ostend, wo mein Hotel sich befand. Internet-Cafés, Handyläden und Gastarbeiterlokalen wie frisch aus den 80ern (ganz wie die Banker mit zurück gefönten Haaren, eigentlich).

Privat die Unternehmen, die die Innenstadt kolonisiert haben. Öffentlich die städtischen Bühnen direkt in ihrer Mitte und die Straßenbahn, die Penner wie Banker jeden Morgen zur Arbeit bringt.

Diese Arbeit ist übrigens eine relativ ähnliche: Der Versuch, dem durchschnittlichen Rest der Gesellschaft Geld abzugewinnen.

Dieses Geschäft, diese Gegensätze gibt es ja in jeder Stadt, aber nirgendwo fällt das so krass auf, ist das so im Stadtbild eingeprägt, wie in "Mainhattan". Wo vor dem Hauptbahnhof mit der heruntergekommenen Kaiserstraße nebst glänzenden Wolkenkratzern im Hintergrund ein Penner bittet einen Banker um Feuer und kriegt ein silbernes Lotus-Zeug, um sich seine Selbstgedrehte anzustecken.

Fotos von Flickr-Usern: Wolfgang Staudt (Panorama oben), K_Gradinger (Bahnhof) und fabiogis50 (Spiegelung)