"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Friday, 11 June 2010

Frank+Furt


Ich bin nicht oft in der südlicheren Hälfte von Deutschland; meistens begrenzen sich meine Reisen von Hamburg aus auf Berlin und NRW. Deswegen freue ich mich immer wieder, mal über Köln und Hannover hinauszukommen und das komische Dialekt sprechende, den Löwenanteil des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftende, Wein-produzierende Deutschland kennenzulernen.
Oder das Apfelwein produzierende Deutschland, denn ich war diese Woche in Frankfurt. Zwar zum dritten Mal, aber beide vorige Malen waren Aufenthalte von 12-15 Stunden, wovon einen variierenden Anteil abgeschlafen wurde. Diesmal habe ich das aber auf fast 24 Stunden in der "Mainmetropole" gebracht, schön mit Termine, Freizeit und Rumgucken.

Und für mich steht nun fest: Frankfurt ist eine Stadt der krassen Gegensätze. Sie ist reich und arm, nagelneu und steinalt, groß und klein. Sie ist eine Stadt mit einer der weltweit stärksten Privatwirtschaften und dennoch einer sehr bundesdeutschem öffentlichen-sozialen Ader. Sie ist eine Stadt, die anzieht und abstößt.

Gigantisch, weltmännisch der Hauptbahnhof. Ein Ort der möglichkeiten, wo der Inselaffe staunt, weil an der Anzeigetafel Züge in mindestens sechs Länder stehen, alles von A wie Antwerpen bis Z wie Zürich.

Kleinkarriert und provinziell dieser Römerplatz. Nett und schnuckelig, auffällig urig in vergleich zu den Wolkenkratzern im Hintergrund. Hamburgs adrette Binnenalster passt zur hanseatischen Identität, Berlins Brandenburger Tor und Reichstag zu einer Regierungsstadt. Frankfurts Platz tanzt aus der Reihe.

Reich die Innenstadt. Voller Banker nach Feierabend, die in den ganzen Restaurants um die Hauptwache locker 30 EUR für ein Abendessen und paar Bierchen ausgeben können - jeden Abend.

Arm der Ostend, wo mein Hotel sich befand. Internet-Cafés, Handyläden und Gastarbeiterlokalen wie frisch aus den 80ern (ganz wie die Banker mit zurück gefönten Haaren, eigentlich).

Privat die Unternehmen, die die Innenstadt kolonisiert haben. Öffentlich die städtischen Bühnen direkt in ihrer Mitte und die Straßenbahn, die Penner wie Banker jeden Morgen zur Arbeit bringt.

Diese Arbeit ist übrigens eine relativ ähnliche: Der Versuch, dem durchschnittlichen Rest der Gesellschaft Geld abzugewinnen.

Dieses Geschäft, diese Gegensätze gibt es ja in jeder Stadt, aber nirgendwo fällt das so krass auf, ist das so im Stadtbild eingeprägt, wie in "Mainhattan". Wo vor dem Hauptbahnhof mit der heruntergekommenen Kaiserstraße nebst glänzenden Wolkenkratzern im Hintergrund ein Penner bittet einen Banker um Feuer und kriegt ein silbernes Lotus-Zeug, um sich seine Selbstgedrehte anzustecken.

Fotos von Flickr-Usern: Wolfgang Staudt (Panorama oben), K_Gradinger (Bahnhof) und fabiogis50 (Spiegelung)

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