"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Monday, 14 June 2010

Teutsche Tugende

Jeder kennt die, die Eigenschaften, die den Deutschen im Ausland zugeordnet werden: Organisationstüchtigkeit und penibler Genauigkeit, Präzision und Perfektionismus, tiefgehende Begeisterungsfähigkeit und einen Hang zu sentimentalem Schmalz.

Meistens halte ich nichts von der Aussagekraft solcher Stereotypen, obwohl die Deutschen wirklich in Sachen Organisation so einiges drauf haben. Aber zu WM-Zeiten kommen die ganzen stereotypischen Charaktereigenschaften zusammen: Und das Resultat ist... knallig!



Ja, bei der Ansicht der deutschen Häusern, Balkonen und Pkws zu WM-Zeiten kann man sich des Eindruckes kaum erwehren, dass die Deutschen in der Tat überorganisierte Freaks sind, die immer nach einer Schopenhauer'schen Vollkommenheit streben und sich in jeden Scheiß so reinhängen können, dass die Rationalität erstmal völlig außer Kraft gesetzt wird.

Nicht, dass der Deutsche der einzige ist, der seinen Wagen und seine Wohnung zur WM mit der Fahne dekoriert. Nein, das tut natürlich auch der eine oder andere Engländer. Der Amerikaner tut es ja sowieso, WM hin oder her. Aber der Engländer kauft aus Impuls an der Kasse so eine Fahne. Der Deutsche, nein: Der Deutsche macht es wie mein einer Mitbewohner und zieht drei Wochen vor WM-Start in einer detailgenauest geplanten Operation auf Einkaufsmission los.

Letztens kriegte ich ein solches "Unternehmen Dekorieren" aus nächster Nähe mit. Da nimmt sich der Mitbewohner einen freien Nachmittag von der Arbeit und macht sich auf dem Weg mit Geld und Stofftüten (der Umwelt zuliebe!) bewaffnet. Letztere stopft er dann mit Kunststoff-Fahnen und -Girlanden in rauen Mengen voll. Dann schreitet das Unternehmen in die heiße Phase; dann wird "dekoriert". Da verbringt er eine Halbstunde mit Hammer, Trittleiste und der Zunge konzentriert durch die Zähne herausgesteckt - und fertig ist die WM-Thema-Schaubude.

Und keiner stört sich daran.

Ja, es wird sogar gefragt von den anderen Mitbewohnern, wo er das alles her habe? "Du, du kannst ma' zur Penny gehen. Da hamse ganz nette Sachen. Und Edeka haben Fahnen zum halben Preis..."

Aber es werden keine halben Sachen gemacht.

Dann kommt gestern das erste Deutschland-Spiel. Soviel Schwarz-Rot-Gelb-Makeup habe ich noch nie gesehen. Soviel Anteilnahme vor dem Fernseher, soviel schreien, soviel Drama! Warum habe ich das pflegmatische England bloß hinter mir gelassen, wo nur die letzten Assis den Fernseher anschreien und nicht irgendwelche normale Mittelschichts-Mitbewohner? Was ist denn jetzt hier los?

Dennoch darf ich das nicht alles so schwarz(-rot-gelb) sehen. Gucke ich aus dem Fenster auf die viel befahrene Fruchtallee, so kann ich eine repräsentative Studie durchführen, die zeigt, dass die meisten Deutschen doch auch zur WM-Zeiten einen ganz gesunden Menschenverstand an den Tag legen: Von 100 Autos, die hier im Zeitraum 15:30 bis 15:32 vorbeifahren, haben meiner Zählung nach nur 10 Fahnen. Wiederum haben 3 von diesen 10 bereits zwei Deutschland-Fähnchen...

2 comments:

cagun said...

Du musst etwas Verständnis haben. Die Deutschen müssen erst mal lernen mit dem neuen "Nationalbewusstsein" umzugehen, denn letztlich war das Misstrauen unter den Deutschen immer groß, wenn der Nachbar ein Deutschlandfähnchen im Garten aufgestellt hat, meistens wurde er sofort als verkappter Nazi "enttarnt". Jetzt ist das anderes und die Leute müssen sich erst mal austoben um dann ein Mittelmaß zu finden. Also habe etwas Geduld mit uns ;-)

Brian said...

cagun, du hast wegen den Umgang mit nationalen Symbolen natürlich recht. Dabei geht es mir gar nicht so um deutschen Nationalismus (trotz bewußt spielerische Hinweise auf militärischen Sprachgebrauch), sondern um die deutsche Tendenz, bei allem ein bisschen zu übertrieben.

Was aber auch äußerst positive Nebeneffekte hat: Das monumentale Spargel-Essen, zum Beispiel (denn nur Spargel so als Beilage essen ist zu wenig) oder das Oktoberfest, das in anderen Länder in der Größe schlichtweg unvorstellbar wäre. Ohne deutsche Organisation würde es das ebenfalls nicht geben.