"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Monday, 20 September 2010

Die Waagschale: Regierung vs. Volk


Einer der wichtigsten Beweggründe für mich, nach Deutschland zu kommen und hier ein Leben aufzubauen, waren die sozialdemokratischen Werte, die meiner Meinung nach hierzulande besser gepflegt werden, als etwa in meinem Heimatland. Deswegen war der letzte Bundestagswahl so eine bittere Enttäuschung für mich: Wie konnten die Deutschen das nur tun? Westerwelle wählen? Neoliberale Politik aus den 80ern und 90ern unterstützen, wo doch die USA und UK reihenweise Paradebeispiele abliefern für die soziale und wirtschaftlichen Probleme, die daraus resultieren?

Ich ahnte Schlimmes: und bekam Schlimmeres. Nicht nur hat Schwarz-Gelb bislang eine erwartungsgemäß eisige soziale Kälte an den Tag gelegt, sondern auch eine unerwartete Unfähigkeit, zu regieren. Nicht nur kann ich deren Politik nicht akzeptieren, ich kann die nach den zahlreichen Pannen (u. a. Mehrwertsteuersenkung für Hoteliers, "spätrömische Dekadenz" und "Gurkentruppen", Gauck-Wulff) nicht einmal respektieren. Die Thatcher etwa war zumindest respekteinflößend effizient in ihrem menschenverachtenden Handeln zu Gunsten der Reichen. Die Merkel tut mir beinahe nur noch leid.

Beinahe. Denn wie kann einem eine Frau leidtun, die ein Sparpaket vorlegt, bei dem alleinstehende Mütter auf Hartz IV kein Kindergeld mehr kriegen? Wobei aber Besserverdienende und Wohlhabende rein gar nichts beisteuern? Änderung im Spitzensteuersatz? Fehlanzeige. So eine Politik ist mehr als unsozial: Es ist regelrecht asozial.

Dann kam auch noch dieser Spinner, Sarrazin. Und der erstaunliche Beifall für ihn. Und wo Beifall doch ausblieb, immer noch das kolassale Missverständis, er spreche schon nötige Misstände an und habe immerhin ein Nutzwert als Tabubrecher. Dabei halte ich es mit Sigmar Gabriel in der ZEIT:

"Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird. Das hätte ich noch vor einem Monat für völlig undenkbar gehalten. Wem es bei der Botschaft »neues Leben nur aus erwünschten Gruppen« nicht kalt über den Rücken läuft, der hat wohl nichts begriffen."

Ich überlegte mir in der Tat kurzzeitig, ob ich wirklich in Deutschland weiterleben wollte. Ich bin noch jung, ich bin noch mobil. Ich könnte doch zurück nach England, wo Thatcher schon das Schlimmste angerichtet hat und wo man schon weiß, wo man steht. Wo man nicht mehr fürchten muss, dass soziale Errungenschaften abgeschafft werden, wenn auch nur deswegen, weil es nur noch wenige davon gibt. Und wo Sarrazins Aussagen es immerhin wohl nicht einmal in ein gedrucktes Buch geschafft hätte, geschweige denn in das Scheinwerferlicht des geamten demokratischen Diskurs.

Dann war ich aber am Wochenende in Berlin und sah, wie die Demonstration gegen den Atomkurs der Regierung viel mehr als eine Sammlung von ungewaschene, reaktionäre Alt-Linken war. Es waren viele Menschen wie ich, die in der Atompolitik der Bundesregierung nicht nur eine unnötige Drohung für künftige Generationen sehen sondern auch die reinste Verkörperung einer unsozialen, unfähigen, und offenbar nicht unbestechbaren politischen Kultur, die sich in der Hauptsstadt breitgemacht hat.

Wegen diesen Menschen, die aus allen Ecken der Bundesrepublik an einem Wochenende nach Berlin gereist sind, weiß ich wieder: trotz Merkel, Westerwelle und Sarrazin kann man doch sehr gut in Deutschland weiterwohnen.
Bild: Danke an salamith.sullmann bei Flickr.

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