"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Friday, 29 October 2010

Münte für Bündeskanzler!

Im Wahlkampf im August 2009 war ich auf einer Veranstaltung der SPD in Hamburg und erlebte dort den "Münte" live. Wie bestellt riefen lauter Jusos minüntenlang "Wir wollen den Münte sehen", bis er - ganz der Showman - etwas spät auf die Bühne kam und zum Rednerpult schritt.

Er hielt dann auch eine gute Rede ab: rhetorisch geschickt, inhaltlich dicht, ab und an witzig. Aber wie ein echtes Phenomen wirkte er nicht: Die "Jusos" waren wohl wirklich bestellt worden von irgendwelcher Casting-Agentur, dachte ich mir. Auch wenn man davon ausgeht, dass eine gewisse Partei-Sympathie zu erwarten ist, war die Begeisterung, die "Münte" auslöste, einfach erstaunlich.

Wie konnte dieser kleine, alte Mann mit zwar vertretbaren aber keines Weges revolutionären Ideen so viele Leute so mitreißen?

Dann passierte mir gestern Abend was komisches. Ich las ein Gespräch mit Müntefering in der ZEIT und wollte vom Esstisch aufstehen und "Wir wollen den Münte sehen!" rufen.

Auf Seite 6 im Politik-Teil gab es ein kurzes Gespräch mit ihm über integration. Nach den letzten Wochen graute mir es schon davor, noch so einem Poltiker dabei zuzusehen, wie er die von Sarrazin und Seehofer ausgelöste Welle Hass und Misstrauen zu reiten versuchte - so nach dem Motto: "Auch wenn er sich im Ton vielleicht vergriffen hat, sind das allerdings ernstzunehmende Sorgen..."

Doch fesselte mich die Überschrift "Irgendwann ist man einfach Deutscher", und ich las weiter. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte ich mich nicht enttäuscht, sondern ermu(ü)ntert: Es sind doch nicht alle bescheuert geworden.

"Es darf nicht sein, dass jemand, der vor 30 oder mehr Jahren nach Deutschland gekommen ist, heite noch Migrant behandelt wird. Irgendwann ist man einfach Deutscher. Das ist keine Frage von Glauben, Kultur, Haarfarbe, Sprache. Wenn jemand längere Zeit heir lebt, zählt nur, ob er sich zum Grundgesetz bekennt. Wer das tut, gehört mit allen Pflichten und Rechten dazu... (die Union fängt immer wieder an) mit ihrer unsäglichen Leitkulturdebatte. Die deutsche Leitkultur ist das Grundgesetz."

Hört sich simpel an, sagt aber doch keiner! Seit Wochen nicht mehr. Nur eine Kanzlerin, die Multi-Kulti als "absolut gescheiter" abstempelt.

Übrigens: davor war der letzte Politiker, der sich in der Sache meiner Meinung nach so einwandfrei geäußert hat, Sigmar Gabriel gewesen. Schön, auf die SPD ist also immer noch Verlass.

Der Interview wurde im Verlauf des Tages bei Zeit Online reingestellt.

Tuesday, 12 October 2010

Um den heißen Brei reden - oder sich den Kopf heiß reden?

Die letzten Wochen hatte ich sehr, sehr viel zu tun: Ein 250-seitiges Buch über den weltweiten Kampf an der Spitze der Autoindustrie musste ins Englische - und zwar schnell. Zwischen dem 27. September und dem 9. Oktober war ich gerade eine Stunde einkaufen (nur noch das Nötigste an Proviant) und vielleicht insgesamt fünfmal überhaupt draußen (Zigarettenpausen auf dem Freiberuflerbalkon nicht mitgerechnet).

Wie viele ältere Menschen und Landbewohner also war ich vom normalen Stadtleben eine weile Lang abgeschnitten. Mein Kontakt mit den 1,7 Millionen Menschen in der Großstadt Hamburg, und mit den 81 weiteren Million Deutschen überhaupt, beschränkte sich weitestgehend auf eine Halbstunde Deutschlandfunk morgens und gelegentlich Zeitung, sowohl gedruckt als auch online.

In der Zeit veränderte sich mein Blick auf Deutschland. Das bunte, fröhliche, freundliche Land, in das ich mich verliebt hatte, verwandelte sich wie über Nacht in ein Schlachtfeld, durchzogen von Kampfgräbern, in eine Lunarlandschaft zerfetzter Gesellschafts-Ruinen, überzogen vom beißenden Rauch brennender Träume, in dem sich träge Hartz-IV-Empfänger mit ihren Extra-Fünf-Euro zombieartig auf die tägliche Suche nach Schnapps und Zigaretten machten und dabei von ausländischen (sprich: türkischen), "ihr Scheißdeutsche!" schreienden Räuberbänden überfallen wurden. An den Frontlinien standen sich "Deutsche" und "Ausländer" (sprich: Türken) gegenüber und bleckten die Zähne. Anführer der Deutschen: Ein hässlicher Thilo-Sarrazin-Horst-Seehofer-Zwitter mit Guido Westerwelle als General. Rudelsführer der Gegenüber? Na klar! Irgendwelcher hasspredigender Imam. Wie er genau heißt? Weiß keiner. Ist auch wurscht. Davon gibt es eben so viele in Deutschland, die auf den Ruinen der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft ihre Moscheen in die Höhe ziehen und "uns" allen mit dem Muezzin beschallen wollen. Hinter den Frontlinien sammelten beide Seiten ihre Kräfte für den letzten, allesentscheidenden Schlag: Die Imams arrangierten ihre Kreuzberger und Neuköllner Bataillons; Sarrazin verpaarte die letzten fleißigen Schwaben mit den letzten g'scheiten Bayerinnen, damit auch nach dem apokalyptischen Endkampf noch paar intelligente Teutonen in unterirdischen Zuchtanstalten das zerstörte Land von den Terroristen zurückerobern konnten.

In den Zigarettenpausen blickte ich mal vom Balkon runter und konnte es kaum fassen. Der Blick sah nach wie vor ganz harmlos aus. Deutsche Autos fuhren vorbei an der U-Bahn, in die Pendler morgens verschwanden und abends wieder rauskamen. Gelegentlich gab es sogar dazu noch Herbstsonne. Keine scharfe Dämpfe in der Luft; noch kein Muezzin. Ich war einmal sogar kurz beim Bäcker: Zwei Roggenbrötchen gab es (noch), und (noch) kein Fladenbrot. Der türkische Elektriker von nebenan ließ mich sogar in der Schlange höflicherweise vor, weil er sich noch nicht entschieden hatte.

Komisch! Der Verfall der gesellschaftlichen Ordnung, wie ich sie den Medien entnommen zu haben glaubte, war also doch noch nicht so weit vorangeschritten. Vielleicht würde es ja sogar noch Zeit geben, den letzten funktionierenden ICE der Deutschen Bahn zu kapern und damit zurück nach London zu fahren, so lange Seehofer noch nicht die Grenzen dicht gemacht hat. Welch merkwürdige verzögerte Erscheinung von solchen dringenden gesellschaftlichen Problemen! Vielleicht war die Frontlinie aber zum Glück noch irgendwo in einem Berliner Problemviertel.

Erst in den letzten Tagen, wo ich wieder öfter draußen war und mit Menschen aus Fleisch und Blut geredet habe, habe ich verstanden, woran es alles lag. Dass ich so einen apokalyptischen Eindruck der Verfassung der deutschen Gesellschaft gewonnen hatte, lag daran, dass ich einfach nicht genug in der Stadt unterwegs gewesen war und mich einfach zu sehr auf die Medien, die ja "am Puls der Zeit" liegen und mich "abholen, wo ich stehe", für meine Wahrnehmung der Realität hatte verlassen müssen. Während man es so darstellt, als ob Generationen Politiker nur noch um den heißen Brei herumgeredet hatten und jetzt müsse Sarrazin, Seehofer & Co "endlich mal Klartext reden", ist es in Wirklichkeit so, dass sie sich den Kopf heiß reden.

Nach diesem Realitätsentzug verstehe ich erst recht, wieso auch intelligente Menschen mal FDP wählen oder Sarrazin ernst nehmen. Empfehle ich jedem, der wie ich in diesen Tagen über den öffentlichen Diskurs nur staunen kann.