"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Tuesday, 12 October 2010

Um den heißen Brei reden - oder sich den Kopf heiß reden?

Die letzten Wochen hatte ich sehr, sehr viel zu tun: Ein 250-seitiges Buch über den weltweiten Kampf an der Spitze der Autoindustrie musste ins Englische - und zwar schnell. Zwischen dem 27. September und dem 9. Oktober war ich gerade eine Stunde einkaufen (nur noch das Nötigste an Proviant) und vielleicht insgesamt fünfmal überhaupt draußen (Zigarettenpausen auf dem Freiberuflerbalkon nicht mitgerechnet).

Wie viele ältere Menschen und Landbewohner also war ich vom normalen Stadtleben eine weile Lang abgeschnitten. Mein Kontakt mit den 1,7 Millionen Menschen in der Großstadt Hamburg, und mit den 81 weiteren Million Deutschen überhaupt, beschränkte sich weitestgehend auf eine Halbstunde Deutschlandfunk morgens und gelegentlich Zeitung, sowohl gedruckt als auch online.

In der Zeit veränderte sich mein Blick auf Deutschland. Das bunte, fröhliche, freundliche Land, in das ich mich verliebt hatte, verwandelte sich wie über Nacht in ein Schlachtfeld, durchzogen von Kampfgräbern, in eine Lunarlandschaft zerfetzter Gesellschafts-Ruinen, überzogen vom beißenden Rauch brennender Träume, in dem sich träge Hartz-IV-Empfänger mit ihren Extra-Fünf-Euro zombieartig auf die tägliche Suche nach Schnapps und Zigaretten machten und dabei von ausländischen (sprich: türkischen), "ihr Scheißdeutsche!" schreienden Räuberbänden überfallen wurden. An den Frontlinien standen sich "Deutsche" und "Ausländer" (sprich: Türken) gegenüber und bleckten die Zähne. Anführer der Deutschen: Ein hässlicher Thilo-Sarrazin-Horst-Seehofer-Zwitter mit Guido Westerwelle als General. Rudelsführer der Gegenüber? Na klar! Irgendwelcher hasspredigender Imam. Wie er genau heißt? Weiß keiner. Ist auch wurscht. Davon gibt es eben so viele in Deutschland, die auf den Ruinen der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft ihre Moscheen in die Höhe ziehen und "uns" allen mit dem Muezzin beschallen wollen. Hinter den Frontlinien sammelten beide Seiten ihre Kräfte für den letzten, allesentscheidenden Schlag: Die Imams arrangierten ihre Kreuzberger und Neuköllner Bataillons; Sarrazin verpaarte die letzten fleißigen Schwaben mit den letzten g'scheiten Bayerinnen, damit auch nach dem apokalyptischen Endkampf noch paar intelligente Teutonen in unterirdischen Zuchtanstalten das zerstörte Land von den Terroristen zurückerobern konnten.

In den Zigarettenpausen blickte ich mal vom Balkon runter und konnte es kaum fassen. Der Blick sah nach wie vor ganz harmlos aus. Deutsche Autos fuhren vorbei an der U-Bahn, in die Pendler morgens verschwanden und abends wieder rauskamen. Gelegentlich gab es sogar dazu noch Herbstsonne. Keine scharfe Dämpfe in der Luft; noch kein Muezzin. Ich war einmal sogar kurz beim Bäcker: Zwei Roggenbrötchen gab es (noch), und (noch) kein Fladenbrot. Der türkische Elektriker von nebenan ließ mich sogar in der Schlange höflicherweise vor, weil er sich noch nicht entschieden hatte.

Komisch! Der Verfall der gesellschaftlichen Ordnung, wie ich sie den Medien entnommen zu haben glaubte, war also doch noch nicht so weit vorangeschritten. Vielleicht würde es ja sogar noch Zeit geben, den letzten funktionierenden ICE der Deutschen Bahn zu kapern und damit zurück nach London zu fahren, so lange Seehofer noch nicht die Grenzen dicht gemacht hat. Welch merkwürdige verzögerte Erscheinung von solchen dringenden gesellschaftlichen Problemen! Vielleicht war die Frontlinie aber zum Glück noch irgendwo in einem Berliner Problemviertel.

Erst in den letzten Tagen, wo ich wieder öfter draußen war und mit Menschen aus Fleisch und Blut geredet habe, habe ich verstanden, woran es alles lag. Dass ich so einen apokalyptischen Eindruck der Verfassung der deutschen Gesellschaft gewonnen hatte, lag daran, dass ich einfach nicht genug in der Stadt unterwegs gewesen war und mich einfach zu sehr auf die Medien, die ja "am Puls der Zeit" liegen und mich "abholen, wo ich stehe", für meine Wahrnehmung der Realität hatte verlassen müssen. Während man es so darstellt, als ob Generationen Politiker nur noch um den heißen Brei herumgeredet hatten und jetzt müsse Sarrazin, Seehofer & Co "endlich mal Klartext reden", ist es in Wirklichkeit so, dass sie sich den Kopf heiß reden.

Nach diesem Realitätsentzug verstehe ich erst recht, wieso auch intelligente Menschen mal FDP wählen oder Sarrazin ernst nehmen. Empfehle ich jedem, der wie ich in diesen Tagen über den öffentlichen Diskurs nur staunen kann.

1 comment:

Anonymous said...

Hi - gut gemeinter Rat: you really need a proofreader. You write quite well but all of your articles are littered with Rechtschreibfehlern. A fan.