"Lost in Deutschland" vorher

Dieses Blog begann auf Deutsch - im Archiv befinden sich eine ganze Reihe von Texten über das Engländersein in Deutschland - von 2008 bis 2011 sortiert. 2008-2009 wurden zudem Video-Berichterstattungen auf Deutsch zum Thema hier veröffentlicht.

Thursday, 13 January 2011

Länger arbeiten? Yes please!

Es ist schon erstaunlich, wie groß der Unterschied im öffentlichen Diskurs manchmall ausfällt zwischen Großbritannien und Deutschland.

In Deutschland lädt mich meine Gewerkschaft ver.di dazu ein, an Demonstrationen gegen eine Erhöhung des Rentenalters teilzunehmen. Links ausgerichtete Medien bieten Menschen eine Sprachrohr, die en Machern der Reform eine 'Reite das Pferd bis es zusammenbricht'-Mentalität bescheinigen. Und die allgemeine Stimmung ist auf jeden Fall gegen die Rente mit 67, einen Begriff, der bei der Mehrheit negativ konnotiert sein dürfte. Diese Reform muss eben gegen den Volkswillen durchgeboxt werden.

In Großbritannien freut sich aber die Mehrheit, dass sie nun nicht mehr dazu gezwungen werden kann, mit 65 in die Rente zu gehen. Der Tenor der Berichterstattung in den Medien ist ganz anders, das Volk ist der neuen Reform eher geneigt. Und das, trotz eine gleichzeitrigen Erhöhung des Alters, ab dem die staatliche Rente in Anspruch genommen werden kann, von 65 auf 66 Jahre.

Warum?

Die eine Antwort gibt es zwar nicht (und ich würde die so oder so nicht aus dem Stegreif wissen), aber folgendes dürfte da mit reinspielen:

- Altersarmut: Das Deutsche Rentensystem ist umfassender und großzügiger als das Britische, also ist es ja nicht so schlimm, wenn man früher aus dem Berufsleben aussteigen muss/will.

- Schulden: Brite sind privat oft sehr hoch verschuldet (meistens wegen einem Hypothek) und müssen eben länger arbeiten. Das Haus ist übrigens das private Altersvorsorge, also haben weniger Brite Lebensversicherungen oder anderes Erspartes.

- Gesinnung: In Großbritannien ist es ganz schlimm, ein skiver, also ein Schwänzer zu sein. 'Presenteeism' nennt sich die Volkskrankheit, immer als letzte aus dem Büro rausgehen zu wollen, um sich dann später darüber aufregen zu können, wie wenig die anderen tun. Man definiert sich noch stärker als in Deutschland über seine Arbeit.

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